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    Monika Rinck

    Florian Bissig, 17. Mai 2026

    Liebe Monika Rinck, geschätzte Anwesende,

    Wenn wir vom letzten Vierteljahrhundert als einer Blütezeit der Poesie sprechen, dann kommt die Rede rasch auf Monika Rinck. Und wenn wir der deutschsprachigen Lyrikszene den Fleiss, die Produktivität und die Cleverness eines Bienenvolks attestieren, dann gilt Monika Rinck als die Bienenkönigin in diesem Schwarm poetischer Intelligenz. Seit der Jahrtausendwende spielt sie eine Hauptrolle in der deutschen Lyrikavantgarde mit ihrem informellen Sitz in Berlin. Sie spielt sie in erster Linie mit ihrem Schreiben, aber auch als Übersetzerin, Herausgeberin und Dozentin.

    Wer ist nun also unsere Preisträgerin? Monika Rinck wurde 1969 in Zweibrücken in Rheinland-Pfalz geboren. Sie studierte Religionswissenschaften, Geschichte und Komparatistik. Sie lebt in Berlin und schreibt Lyrik, Prosa und Essays. Diese und weitere biografischen Angaben können wir auf Wikipedia nachlesen oder bei einem Chatbot abfragen. Ich möchte stattdessen lieber Monika Rincks Gedichte nach der Dichterin Monika Rinck befragen. Dieser Weg ist umständlicher und hat seine Tücken, dafür ist er produktiver und anregender.

     

    In ihrem ersten Gedichtband beim kleinen Verlag kookbooks, dem sie auch nach zahlreichen Preisen und Dozenturen die Treue hält, werden uns gleich mehrere Angebote gemacht, der Autorin ein wenig näher zu kommen.

    «mein lyrisches ich» heisst eines der Gedichte im Band zum fernbleiben der umarmung von 2007. Hier scheint die Besitzerin des lyrischen Ichs zu sprechen. «mein lyrisches ich / kam zurück zu mir», heisst es zu Beginn. Zur Autorin also? Indem wir dies vermuten, sind wir in die Falle gestolpert, die bereits im Titel ausgelegt ist. Nicht Autorin und lyrisches Ich, sondern lyrische Ichs zweier Ordnungen plaudern hier friedlich miteinander. Probleme gibt es erst, als die beiden nachts auf der Strasse unterwegs sind. «doch in der nacht», heisst es weiter, «da trafen wir / auf mein brutales double. zurückgerufen mich: / ich sei es nicht.»

    Es ist der Anspruch auf die unteilbare Identität des Ichs, der Unfrieden stiftet. Wenn sich die lyrischen Ichs in einem tröstlichen Gespräch ihrer Nicht-Identität versichern, dann verstehen wir: Es sind Vielheiten, die in Monika Rincks Gedichten ihre Stimmen erheben und die sich nicht so leicht festnageln lassen, wie es zunächst scheinen mag. Und wir beginnen auch zu verstehen, was es mit dem Versprechen der Kapitelüberschrift auf sich hat: «sie werden erheitert».

     

    Erheitert, also belustigt, aber auch aufgeklärt, werden wir auch beim Versuch, Monika Rincks Denken auf die Schliche zu kommen. Es bietet sich die Spur an, welche sie im Gedicht des Titels «mein denken» mit ostentativer Arglosigkeit auslegt. «ich hab heute mittag mein denken gesehen», so beginnt das Gedicht. Und noch bevor uns klar wird, ob das überhaupt denkbar ist, werden wir mit einer Reihe von Metaphern für dieses Denken bedient: «es war eine abgeweidete wiese mit buckeln. wobei, / es könnten auch ausläufer bemooster bergketten sein, / jener grünfilzige teppich, den rentiere fressen. / nein, einfach eine rege sich wölbende landschaft jenseits / der baumgrenze, und sie war definitiv geschoren.» Das Denken ist eine Landschaft, hügelig aber glatt, die den Gedanken als Piste dient. «die gedanken gingen leicht schwindeln darüber / wie sichtbar gemachte luftströme, nein, eigentlich vielmehr / wie eine flotte immaterieller hoovercrafts. sie nutzten / die buckel                      als schanze.»

    So ist also Monika Rincks poetisches Denken vorzustellen, wie es Christian Metz genannt hat: rasant, munter, pfiffig, und jederzeit zum Sprung bereit, wenn eine Schanze die entsprechende Chance dazu bietet. Programmatisch ist an diesem «Denkbild» auch, dass es Selbstkorrekturen enthält und so das Suchende und Vorläufige des Denkens mit abbildet. Und angelegt ist darin auch ein Angebot zur Teilhabe ans Lesepublikum, eine Einladung zum Mitsuchen, Mitdeuten und Mitdenken.

     

    Gedichte über das Denken und Dichten haben eine lange Tradition. Eine Errungenschaft der Lyrik unseres Jahrhunderts ist hingegen die Erweiterung des Gegenstandsbereichs in die noch unwahrscheinlichsten Gebiete. «Es gibt keinen per se unpoetischen Gegenstand», hielt Monika Rincks Dichterkollege Steffen Popp fest. Dafür kann exemplarisch das Gedicht «das gegenteil von verführung» stehen, das sich der Betrachtung eines oft übersehenen Gegenstands widmet: der Topfpflanze.

    Als Sauerstoffproduzentin ist sie den Büromenschen gerade recht, doch sie wird geringgeschätzt und vernachlässigt. Statt frisches Wasser bekommt sie Kaffeereste. Geknickt dörrt sie vor sich hin und trotzt der mangelhaften Pflege: Als Protest gegen den Fortgang der Zeit? Als Parodie des Bürolistenlebens?

    Nachdem die Erniedrigung des Geschöpfs vollendet ist, bringt eine respektvolle Anrede der Pflanze eine Wendung. «vor diese pflanze stell ich mich hin», sagt die Sprecherin und imaginiert Pflanzen in der freien Natur und, Zitat, «diese eine hässliche pflanze hier als erlösergestalt sodass wir alle, / alle auferstehen in eine nicht mehr brauchbare zeit, in der wir nicht säen, / nicht ernten, nur ausharren im gegenteil von verführung.» So ersteht überraschend eine Jenseits-Vision, die Menschen wie Pflanzen umfasst, über eine Auferstehung in eine Zeit jenseits von Pflicht und Ausbeutung; in ein asketisches Dasein ohne Verführung.

    Wir Lesende werden indessen verführt: durch die amüsierte Betrachtung eines lachhaften Requisits, und hin zum Grübeln über unseren Umgang mit der Natur, und schliesslich unversehens über eschatologische Fragen. Sollen wir da lachen oder denken? Das eine ist erlaubt, das andere unumgänglich. Wir werden erheitert.

    Der Schluss des Gedichts führt in köstlicher Trockenheit wieder in den Büroalltag zurück: «alle sagen: / morgen bringe ich torf mit. es kommt der morgen, keiner bringt torf mit.» Es ist an uns Lesenden, die Passage anzuwässern, von der Beobachtung zur Selbstkritik, von der Kritik zur Reflexion über die handlungsmotivierende Kraft von Einsichten.

     

    Wenn wir eine Krönung Monika Rincks zur Bienenkönigin der Poesie nachzeichnen wollten, dann könnten wir sie mit dem Band Honigprotokolle von 2012 belegen. Die Lyrik tritt hier in einer hybriden Textsorte zwischen Gedicht, Protokoll und Skizze auf und rückt so das produktionsästhetische Verfahren in den Vordergrund. Mit dem Sammelfleiss eines Bienenvolks trägt Monika Rinck in dem Werk ihre Materialien zusammen. Sie protokolliert Strukturen, Diskurse, Machenschaften, und verklebt sie zur Kenntlichkeit und zu neuer Fragwürdigkeit.

    «Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle, die alles, was geschieht, / notieren und zur Wiederaufführung bringen oder zumindest so tun, / als ob sie es würden», so heisst es in einer der vielen poetologischen Auskünfte, die allerdings, wie wir gesehen haben, bei Monika Rinck mit Vorsicht zu nehmen sind. Man beachte, dass schon im «Honig» ein «Hohn-Ich» steckt und – höhnt.

    Zugleich ist das Abweisende des Protokolls aufgehoben in der Honigsüsse der Poesie und verdichtet zu einer Wabe der Klänge, Bilder und Anspielungen längs durch die Literaturgeschichte. Temporeich und springfreudig geht es voran, über Abgründe hinweg, in Sackgassen hinein und fröhlich wieder heraus. Innert Augenblicken gelangen wir von Wittgenstein über die protestantische Dialektik und den Perückenbock zu einer 200-Dezibel-Sinfonie von Haydn. Das sind Zumutungen im besten Sinn, Schanzen verstanden als Chancen, die Dinge zusammenzudenken und neu zu sehen.

     

    Doch bei aller hermeneutischen Offenheit hat der Band Honigprotokolle einen merklichen Appellcharakter, und dies von den ersten Zeilen an: «Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle, in Bernstein und Amber: / Fürstlich (oder fürchterlich?) paart sich im Dickicht das Wiesel / mit der Zylinderkopfdichtung.» Das «Hört ihr das», das sich durch den Band zieht, ist zugleich Frage und rhetorische Formel. Der Aufruf zum Mithören, Mitdeuten und Mitdenken ist nicht nur höhnend, sondern geradezu dröhnend.

    In ihrem bislang letzten grösseren Werk, Höllenfahrt und Entenstaat von 2024, wandte sich Monika Rinck nun wieder einem vermeintlich unpoetischen, dafür umso politischeren Thema zu: dem Strassenverkehr. Der Band ist ein Paradeprojekt für das, was Steffen Popp einst als «Forschung mit poetischen Mitteln» bezeichnete. Schonungslos realistisch und quälend exakt informiert nimmt sich der Gedichtzyklus «Höllenfahrt» die Verkehrs- und Klimapolitik zur Brust. Im Quellenverzeichnis steht neben Vergil und Dante etwa auch eine Schrift mit dem Titel «144 beschleunigte Strassenprojekte der Bundesregierung».

    Die amtlichen Dokumente sind das Rollmaterial der «Höllenfahrt», die über die deutschen Autobahnen und zugleich durch den politischen Diskurs und Propaganda-Sprech rund um den Ausbau des Strassennetzes führt. Die «Höllenfahrt» ist eine Groteske, die allerdings weitgehend von der Realität gedeckt ist. In Abschnitten über «Beschleunigte Strassenprojekte» aus allen Bundesländern darf fröhlich gerätselt werden, wo zwischen dem «vordringlichem Bedarf mit Engpassbeseitigung» und der «in Beton gegossenen Freiheit» der Kipppunkt zwischen Zitat und sarkastischer Parodie liegt.

    Eingestreut sind Gedichte an einen «Müden», inspiriert durch Sarkophaginschriften aus dem alten Ägypten. Es ist ein entsetzlich ermüdeter «Verkehrsteilnehmer» auf der Fahrt durch die deutsche Landschaft und zugleich in die Unterwelt hinab. In seinem letzten Hemd hat er so «traditionelle Grabbeigaben» wie «Aludosen, ein Rudel // niedergetretener Räder», «Verpackungsmaterial / auf Seitenstreifen, Zollverordnungen, Flaschenscherben / und was immer man auf wilder Fahrt aus Fenstern warf.»

    So verbindet sich die Kritik an der ungebremsten Verkehrspolitik mit Ökologiekritik und zugleich mit einer Kritik der Müdigkeitsgesellschaft, die digital überflutet und ökonomisch ausgebeutet wird. Doch Monika Rinck will nicht darauf hinaus, dass die Lösung einfach wäre. «gib ‘body politics’ ins Suchfeld ein», heisst es in einer Passage. Nach diesem Aufruf zur Recherche, zum kulturkritischen Mitdenken folgt der Hinweis auf das Klimaproblem jeder digitalen Recherche: «irgendwo auf einer Serverfarm / springt nun ein Dieselgenerator an».

    Das ist ein weiter Sprung, aber kein weit hergeholter. Es ist eine Absage an eindimensionale Appelle und das Zugeständnis einer Aporie. Ob es einen Ausweg, ob es die Möglichkeit der Verweigerung des digitalen Raums gibt, oder ob nur ein kompromittiertes Engagement möglich ist, bleibt offen. Wir Lesenden bekommen keine Position zugewiesen, wir müssen sie selber suchen und einnehmen.

     

    Monika Rinck und ihre lyrischen Ichs rufen uns seit zwei Jahrzehnten zu, selbst zu denken. Doch in jüngster Zeit will es scheinen, dass sie es ein Stück lauter tun. Vielleicht hören so heute noch ein paar Ohren mehr auf die Einladungen zum ungläubigen Lachen und zum Denken gegen den Strich. Sollen wir nun also lachen über die Groteske des Zeitgeschehens oder uns ins Denken schubsen lassen? Oder am Ende vielleicht doch toben? Denn das letzte Wort gehört in Höllenfahrt und Entenstaat der Wut. Lachen, Denken, Wut, all das ist angebracht und wird noch dringend nötig sein.

    Für ihre zahlreichen bisherigen und künftigen Handreichungen dazu sind wir Monika Rinck zu grossem Dank verpflichtet. Im Namen der Jury, das sind Marie Caffari, Ralph Müller und ich: Herzliche Gratulation zum Solothurner Literaturpreis 2026, Monika Rinck!