Terézia Mora

Der Solothurner Literaturpreis 2017 geht an Terézia Mora. Mit Terézia
Mora wird eine Autorin und Übersetzerin ausgezeichnet, die von
Menschen erzählt, die sich selbst abhanden kommen und in unserer
Welt verloren gehen. Scharf in der Zeitdiagnose und zugleich mit
grosser Empathie folgt ihnen die Autorin auf der vergeblichen Suche
nach Geborgenheit und Liebe. Wie ein roter Faden zieht sich dabei das
Motiv der Fremdheit durch ihre Geschichten. Grandios verdichtet und
in kühnen Erzählbögen aufgefaltet legen ihre Texte rigoros die
Bruchstellen der Conditio humana frei. 

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst (Vorsitz),
Christine Tresch und Beat Mazenauer, würdigt die 1971 in Sopron
(Ungarn) geborene und heute in Berlin lebende zweisprachige Autorin
für ein Werk, das drei Romane, zwei Erzählbände, zwei Bände mit
Poetikvorlesungen, einige dramatische Texte und zahlreiche
herausragende Übersetzungen aus dem Ungarischen umfasst.

Ihr eigenwilliges Debüt, der Erzählband „Seltsame Materie“ (1999),
setzt sich  mit ihrer dörflichen Herkunft in der
ungarischen-österreichischen Grenzregion auseinander. Sie stellt
jüngere Protagonisten ins Zentrum, die Mittel und Wege suchen, um
sich aus der Perspektivlosigkeit wegzustehlen in ein weniger
aussichtsloses Leben. Die dumpfe Provinzialität spiegelt sich in der
kantigen Sprache der Autorin wider, die die Lesenden unmittelbar in
Bann zieht und bereits einen unverwechselbaren Ton erkennen lässt.
Mit dem ersten Roman „Alle Tage“ gelingt Terézia Mora 2004 ein
bestechendes Meisterwerk, der erste Teil zu einem fulminanten
Romanwerk, zu dem bisher auch die Bücher „Der einzige Mann auf dem
Kontinent“ (2009) und „Das Ungeheuer“ (2013) gehören. Darin
erzählt sie, wie sich ihre Hauptfiguren an den gesellschaftlichen
und ökonomischen Bedingungen im Übergang zum 21. Jahrhundert
reiben, in ihren Ambitionen und Beziehungen beschädigt werden und
meist existentiell scheitern. Mit stupendem handwerklichen Können
werden die Protagonisten in rasante Wechsel von Rück- und
Überblendungen, von Innen- und Aussenperspektiven verstrickt. In der
Tradition des modernen Romans entwickelt Terézia Mora eine ganz
persönliche, hoch reflexive Ästhetik, die listig mit dem für die
Leser Zumutbaren spielt. Stimmig fügen sich die elf gleichermassen
unbarmherzigen wie behutsamen Geschichten des jüngsten Erzählbands
„Die Liebe unter Aliens“ (2016) ins bisherige Werk ein. Schon der
Titel trägt der heimtückischen Entfremdung Rechnung, 

In ihren Poetikvorlesungen geht Terézia Mora direkt und konkret von der
eigenen Person und Wahrnehmung aus und bringt so eine ironische
Lebhaftigkeit in ihre erzähltheoretischen Reflexionen. Ihr ebenso
zupackender wie sensibler Umgang mit Sprache beweist sie auch in
ihren glänzenden Übersetzungen, beispielsweise von Peter Esterhazys
„Harmonia Caelestis“ oder Zsófia Báns „Als nur die Tiere
lebten“. 

Mit ihrer erzählerischen Virtuosität, ihrer quecksilbrigen Sprache und
ihren souveränen Kompositionen bereichert Terézia Mora die
gegenwärtige  Erzählliteratur mit eindrucksvoller Konsequenz.





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Der Solothurner Literaturpreis wird alljährlich für ein Werk deutscher Sprache vergeben. Ausgerichtet wird der Preis durch private Sponsoren im Verein "Solothurner Literaturpreis".












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