Laudatio von Hans Ulrich Probst

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Alternative Narrationen anbieten, das, nichts weniger, ist die Arbeit der Schreibkundigen.“
„Panik ist nicht der Zustand eines Menschen. Panik ist der Zustand der Welt.“
„Wir sind Menschen. Also können wir verzweifeln.“


Liebe Terézia Mora, meine Damen und Herren.


Herzlich willkommen zu unserer Preisverleihung auch von meiner Seite.
Es freut mich ausserordentlich, dass wir Terézia Mora heute mit dem Solothurner Literaturpreis auszeichnen können. Für mich und meine JurykollegInnen ist Terézia Mora DIE herausragende deutsch schreibende Autorin des 21. Jahrhunderts. Ich sage bewusst deutsch schreibend, denn Terézia Mora ist zweisprachig aufgewachsen, deutsch und ungarisch. Sie ist auch eine grossartige Übersetzerin aus dem Ungarischen. Mit verstörender Direktheit und grandioser Sprachkraft erzählt ihr ganz in der Gegenwart verankertes Werk seit zwanzig Jahren von Menschen, die sich selbst abhanden kommen und in unserer Welt verloren gehen. Scharf in der Zeitdiagnose, zugleich mit warmer Empathie folgt die Autorin ihren Figuren auf der (meist) vergeblichen Suche nach Geborgenheit und Liebe. Wie ein roter Faden ziehen sich dabei die Motive Fremdheit und Gewalt durch ihre eigenwilligen und kühnen Geschichten.
Dabei unternimmt Terézia Mora mit jedem Buch literarisch etwas genuin Neues. Konkret, radikal, sinnlich – das sind einige Qualitäten ihrer Sprache, welche den Reichtum vielfältiger poetischer Register bewahrt und gleichzeitig der Komplexität und dem Tempo des unbarmherzigen Jetzt Ausdruck verleiht.
In der Tradition der literarischen Moderne hat diese Autorin eine ganz persönliche, hoch reflexive Ästhetik entwickelt, die listig mit dem für die Lesenden Zumutbaren spielt. Unverwandt zupackend entfacht Terézia Mora jeweils mit wenigen Sätzen unsere Neugier für Schicksale und Abgründe. Ein erstes Beispiel, der Beginn der Erzählung „Die Liebe unter Aliens“, die auch den programmatischen Titel für den letztes Jahr erschienenen Erzählband der Autorin liefert:


„Sie hatten für sich zwei ein Einzelbett, das war so hart, wie sie das in ihrem kurzen, abwechslungsreichen Leben noch nicht erlebt hatten. Statt eines Lattenrostes lag die dünne Matratze auf einer Reihe alter Bretter, die jemand in den Rahmen gelegt hatte. Sie schlug vor, die Matratze lieber gleich auf den Boden zu legen, so wie zu Hause. Damit war der Raum dann voll. Es zog kalt unter dem Bett hervor.“


„Kalt wie das Weltall“, meint eine der beiden Figuren im nächsten Abschnitt.
Diese Eingangssätze von sanfter, archaischer Wucht lassen früh ahnen, dass diese zwei prekär Unbehausten im Einzelbett, dass Tim, der Kochlehrling und Sandy, die Hängerin, auf ihrem Kiff-Ausflug ins Umland der unbarmherzigen Grossstadt Berlin das Glück nicht finden werden. Beide verschwinden sie, fast ohne Spur, erst sie, dann er. Wie Terézia Mora hier die Einsamkeit und Verlorenheit ihrer Figuren, aber auch ihre Sehnsüchte und ihre Trauer berührend zu schildern weiss, das ist meisterhaft.


Wer ist Terézia Mora? Woher kommt sie?
Terézia Mora ist 1971 in einem 500-Seelendorf nahe Sopron im nordwestlichen Zipfel Ungarns zur Welt gekommen, die österreichische Grenze, den Eisernen Vorhang vor der Nase. Eine verwahrloste Zone ist das, mit Wasserläufen, Moor und Waldlandschaft, Schienen und einer Zuckerfabrik. Mora wuchs in einer der deutschen Minderheit zugehörigen Familie auf, nach eigenem Zeugnis in einem bäuerlichen, katholischen, patriarchalen, und gewalttätigen Umfeld.
Bald weiss sie: „Ich will so nicht leben“. – „Um mich herum war alles Gewalt“, heisst es in der Erzählung „Ein Schloss“ – individuelle, physische und strukturelle, soziale Gewalt. Mit 17 geht Terézia Mora weg, zuerst zum Studium nach Budapest, mit 19 – die Mauer ist gefallen – nach Berlin, wo sie bis heute lebt, inzwischen verheiratet und Mutter einer neuneinhalbjährigen Tochter.
In Berlin studiert sie Theaterwissenschaft, absolviert eine Ausbildung zur Drehbuchautorin, doch werden ihre Filmbuch-Etüden schnell als „zu literarisch“ kritisiert. Da sieht sie die Ausschreibung zum OPEN MIKE-Literaturwettbewerb, der einen Erstlings-Text von 15 Minuten verlangt; ausgehend von einer jener Etüden schreibt sie eine Erzählung. Ihre ersten literarischen Sätze lauten:


„Grossvater ist tot.
Grossvater trinkt. Er sitzt allein in der Küche. Matt glänzen die gelbweissen Fliesen mit den aufgeklebten Kirschen. Stille. Eine Stille, als wäre die Welt ausgeschaltet. /
Die Flasche ist grün und birgt rote Flüssigkeit. Grossvaters Bewegungen, wie er das Glas auf das Wachsleinen stellt, vorsichtig, bedächtig, schwer, damit es ja nicht runterfällt. Wie er zur Weinflasche greift, den Korken mit der Hand abzieht, wie er eingiesst. Der Wein läuft fast über: er wölbt sich leicht aus dem Glas. Grossvaters zitternde Rechte. Sie führt das Glas zum Mund. Die linke Hand führt die rechte…“


und so weiter, bis die Flasche leer ist und es heisst:


„Grossvater trinkt. Alle Erwachsenen trinken. Jeder nach seiner Begabung.“


Voilà, die Geburt der Schriftstellerin. Das Porträt des Grossvaters, der trinkt – wer denkt nicht ans Peter Bichsels trinkenden Grossvater in der Milchmann-Geschichte „Löwen“! – Mora lässt aus einfachen Sätzen punktgenau und poetisch – „Eine Stille, als wäre die Welt ausgeschaltet“! – ein Familienpanorama erstehen, macht aus Elend und Verkommenheit Literatur. Nicht überraschend hat der eigenwillige rauh-zarte Text mit dem Titel „Durst“ den Open-Mike-Preis 1997 gewonnen. Daraufhin verfasst Terézia Mora neun weitere Erzählungen über ihr Kindheitsland, die, unter dem Titel „Seltsame Materie“ 1999 publiziert, ihr fulminantes Prosa-Debüt ergeben.


Nach Erscheinen dieses Buch bin ich Terézia Mora erstmals begegnet: Unvergessen die Dachwohnung an einer Strassenbahnschleife mit quietschenden Wagen in Berlin-Pankow, unvergessen vor allem, wie abgemessen und souverän die junge Autorin über ihre Arbeit ins Mikrofon zu sprechen verstand.
„Seltsame Materie“ ist ein Buch über Kindheit und Armut, Einsamkeit und Gewalt, über Verlorene, Verrückte, Verzweifelte und immer wieder übers Saufen, über die Perspektivlosigkeit und Verwahrlosung. Was auffällt: Es sind durchwegs Ich-Erzählerinnen und -Erzähler, die berichten. Wenigstens sie haben, im Kontrast zu ihrem dumpfen Umfeld, noch eine Vision, ein bisschen Zuversicht. Das sind untergründig miteinander verbundene grausame Märchen für Erwachsene über die „seltsame Materie Kindheit“ in der dumpfen Provinz, gemildert durch Witz und Ironie, erzählt in einer sachlich-kantigen Sprache, welche die Sprachlosigkeit der skizzierten Lebensentwürfe zwingend einfängt.
„Sag es einfach. Wort für Wort. Lege kein Pathos hinein.“ – so lesen wir eine ihrer Maximen als Autorin schon in der Titelgeschichte „Seltsame Materie“. Mit einer anderen Geschichte mit dem Titel „Der Fall Ophelia“ aus „Seltsame Materie“ gewinnt Terézia Mora 1999 in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Aus einem der berühmtesten Gedichte der Bachmann hat unsere Preisträgerin sich den Titel für ihr zweites Buch geborgt: „Alle Tage“. Dieses Gedicht gebe, so hat Terézia Mora selbst erklärt, gleichsam vor der Zeit die genaueste Zusammenfassung ihres epischen Unterfangens.
Es lautet:


„Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt …“


Terézia Mora hat sich viel Zeit für ihren ersten Roman gelassen. Sie übersetzte vorher Péter Eszterhazys voluminösen Roman „Harmonia Coelestis“ kongenial ins Deutsche; einen 250-seitigen Entwurf des Romans verwarf sie 2001, der Schock von 9/11 musste zuerst verdaut werden, ehe sie für den jetzt vorliegenden Wurf bereit war.


„Nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier. Beschreiben wir beides wie folgt.“ So setzt der Roman ein. Bewusst verzichtet die Autorin auf genaue Orts- oder Zeitangaben, um die Universalität ihrer Erzählung zu unterstreichen.
Hatte „Seltsame Materie“ eine Kindheit in Provinz und Diktatur durchleuchtet, so bündelt „Alle Tage“ Erfahrungen und Begegnungen der Autorin nach dem Weggehen in den Westen aus den 1990er Jahre. Intensiv und schonungslos erzählt der Roman von Flüchtlingen und Migranten aus dem Osten in einer westlichen Grossstadt – wie zum Beispiel Berlin.
Die so faszinierende wie irritierende Hauptfigur heisst Abel Nema (Nema bedeuet slawisch: der Stumme). Das nicht chronologisch erzählte Buch beginnt mit einer Szene, die im Ablauf fast an den Schluss gehört: Abel Nema, etwa 33, hängt wie ein Gekreuzigter, beinahe tot, von einem Klettergerüst auf einem unwirtlichen Kinderspielplatz. Wie sich herausstellt, hat eine kriminelle Bande mit Roma-Hintergrund ihn so zugerichtet. Drei Arbeiterinnen, Marienfiguren, finden ihn frühmorgens und retten ihn. Er überlebt. Der Roman entfaltet in stets neuen Episoden und Annäherungen, dass Nemas ganzes Leben ein einziger Kampf ums Überleben ist – äusserlich und innerlich.
Abel Nema wuchs als Einzelkind in einem später in Bruderkriegen auseinander gebrochenen Land auf – „ich schrieb diesen Roman als Antwort auf den Schock, den die Jugoslawien-Kriege in mir ausgelöst haben“ – bekennt die Autorin.
Er verlässt nach dem Schulabschluss seine Herkunftsstadt, um seinen Vater zu suchen, der sich, als Abel zwölf gewesen war, aus dem Staub gemacht hatte, vor allem aber, um den Schmerz der nicht erwiderten Liebe zu seinem langjährigen Schulfreund Ilja zu verwinden.
Bei einer der ehemaligen Geliebten des Vaters im Nachbarland erreicht ihn die Nachricht von der Einberufung in die Armee, in den Krieg. Er kehrt nicht zurück, sondern bricht auf in jene Grossstadt auf, die Adresse eines dortigen Professors in der Tasche. Einen Gas-Unfall im Haus jener einstigen Geliebten des Vaters hatte Abel fast ohne Geschmacks- und Orientierungssinn überlebt, er hat ihm aber auch eine unheimliche Sprachbegabung beschert. Dank des Professors bekommt er Stipendium und Aufenthaltserlaubnis. In vier Jahren lernt Abel perfekt zehn Sprachen, arbeitet als Dolmetscher. Angstattacken lassen ihn aber aus jeder Bleibe fliehen, wenn er mit Gewalt konfrontiert wird:
Eine Razzia in seiner Studenten-WG, eine Prügelei mit der Bande eines Jungen, dem er sich erotisch annähern wollte, eine ausartende Nacht in einer Bar, handfeste Auseinandersetzungen zwischen einer Band aus seinem Herkunftsland mit unverbesserlichen Nationalisten - lauter Anlässe, die Nema panisch die Flucht ergreifen lassen.
Freilich ist Panik nicht sein individuelles Problem, lesen wir doch schon auf den ersten Romanseiten: „Panik ist nicht der Zustand eines Menschen. Panik ist der Zustand dieser Welt.“


Abels wiederholtes Weglaufen und Neuanfangen strukturieren das Buch.
Nach dem Tod des Professors, geht dessen Assistentin Mercedes mit Abel eine Scheinehe ein, da er sonst von der Ausweisung bedroht wäre:


„Von der begrenzten Unveränderlichkeit einer Kindheit in den Provinzen der Diktatur in die allumfassende Vorläufigkeit der absoluten Freiheit eine Lebens ohne gültige Dokumente geraten und somit auf sich selbst zurückgeworfen.“


Diese Ehe gewährt ihm eine Ruhepause und stiftet die wohl schönste Beziehung im Buch, jene zwischen Abel und Omar, dem hochbegabten Sohn von Mercedes, dessen schöner schwarzer Vater längst nach Afrika zurückgekehrt ist. Zwischen dem Jungen und dem Fremden entspinnt sich eine auf Interesse und Neugier fussende Freundschaft. Omar nämlich scheint der einzige, zu dem der sonst oft stumme Nema spricht, ihm erzählt er seine von nackter Gewalt verschatteten Erlebnisse. Von Omar abgesehen bleibt Nema bindungsunfähig und enttäuscht damit auch Mercedes; sie will ihm Omar entziehen, die Scheidung anstrengen.

Im kühnsten Kapitel des Buches „ZENTRUM – Delirium“ überschrieben, spricht Abel dann erstmals von sich selbst und in der Ich-Form. Dies während eines lebensgefährlichen, entgrenzenden Rauschs, verursacht durch die Einnahme von Fliegenpilzen. Nema macht seinem Leben und seinen Versäumnissen und Defiziten gleichsam selbst den Prozess und findet zu eigener Handlungsfähigkeit zurück, wenn er das Ansinnen seiner halluzinierten Häscher, er müsse auch ein Täter werden und andere foltern, dezidiert zurückweist.


Mit einem oft näher bei der Lyrik als bei konventioneller Prosa anzusiedelnden Gestus entfaltet Terézia Mora ein poetisches Universum von überwältigender Grausamkeit und Schönheit, dem man atemlos folgt. In beklemmenden Szenen und Bildern zeichnet der Roman die gesellschaftlichen Verwerfungen und die individuellen Schicksale dieser Entwurzelten und Heimatlosen nach. Hören Sie als Beispiel, wie Mercedes ihren künftigen Gatten beschreibt:


„Der Brustkorb, die Schultern stülpten sich hoch und sackten wieder zurück, und dabei stieg ein Schwall auf, ein seltsames Gemisch aus dem Geruch des Sakkos, in dem sich Staub mit Regen verbunden hatte, dem durchgeschwitzten Waschmittelgeruch des Hemds, seiner Haut darunter, seine Seifen-, Alkohol-, Kaffee- und Talgnoten, und etwas wie Gummi, genauer: Latex, mit einem leichten synthetischen Vanillearoma, ja, sie glaubte den Geruch eines Kondoms an ihm wahrzunehmen, plus den Geruch einer in der Hitze eines Dachgeschosses stehenden Computertastatur, mit weissen Kreisen im schwarzen Schmutz, dort wie die Finger die Tasten berühren und so weiter, noch mehr bekannte Gerüche, aber diese sind Nebensache, denn was wirklich wesentlich war in dem Moment, war etwas, was die Braut Mercedes nicht hätte benennen können, das wie ein Wartezimmer roch, wie Holzbänke, Kohleofen, verzogenen Schienen, ein in die Böschung geworfener Pappesack mit den Resten von Zement, Salz und Asche auf einer eisigen Strasse, Essigbäume, Messinghähne und pechschwarzes Kakaopulver, und überhaupt: Essen, wie sie es noch nie gegessen hat, und so weiter, etwas Endloses, wofür sie gar keine Worte mehr hat, stieg auch ihn hoch, als trüge er ihn in den Tasche: den Geruch der Fremdheit. Sie roch Fremdheit an ihm.“


Fremdheit und Gewalt – das sind die zentralen Motive dieses Romans, der sich wie ein Gang durch einen Irrgarten liest, mit den Worten der Autorin:


„ ... wie auf uneinsehbaren Pfaden durch ein Dickicht zu gehen, das ist, wie Abel Nemas Situation ist und wie er sich fühlt, die Art und Weise, wie die Erzählung sich im Raum bewegt, ist so, wie sich das innere Problem des Abel Nema (die Entwurzelung, die Trauer, die Wut, die Schuldgefühle) bewegt.“


Und genau so soll sich auch der Leser, die Leserin in Moras Roman bewegen. Die Autorin zielt auf „eine Erzählweise, die so wenig ‚heimatlich‘ wie möglich“ ist. Dazu hat sie eine Poetik und Technik entwickelt, welche aus Skepsis gegenüber dem allwissenden Erzähler ständig die Perspektive wechselt – mitunter mitten im Satz. Mora erzählt in schillerndem Changieren mal auktorial, mal aus intimer Ich-Perspektive, mal mit inneren Monologen, handkehrum in geschliffenen Dialogen oder auch objektivierenden ‚Korrektur‘-Anmerkungen: Als Lesende sind wir dauernd gefordert, uns zu orientieren. Was Terézia Mora gesucht und gefunden hat:


„einen Satz, der in der Lage ist, das, was unsere Wahrnehmung heute dominiert, nämlich die Multiperspektivität, abzubilden. Der wie der innere Dialog eines Menschen ist und wie die literarischen Texte ist, die ich mag (...), in denen die Erzählung quasi einen Dialog mit sich selbst führt.“


Aus diesem mit handwerklicher Leichtigkeit glänzend umgesetztem Schreibverfahren resultiert eine sinnliche und authentische Diktion, die sich seit „Alle Tage“ in sämtlichen Texten dieser Autorin im höchst suggestiven Mora-Sound manifestiert.


In ihren beiden nach „Alle Tage“ erschienenen umfangreichen Romanen „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“ – die ersten beiden Teile einer noch nicht abgeschlossenen Trilogie – hat Terézia Mora diese so kluge wie unmittelbar fesselnde Erzählweise weiter verfeinert. Sie handeln von den Reibungen des Individuums an den gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts – von Beschädigungen, Scheitern, Verlusten und finaler Verzweiflung.
Im Zentrum stehen der genussfreudige IT-Spezialist Darius Kopp und seine Partnerin Flora Meier. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ erzählt, wie Darius Kopp binnen einer Woche die Glitzerwelt der IT-Branche und seine Existenz in Brüche gehen sieht und dabei Tiefschlag um Tiefschlag scheinbar souverän meistert.
Flora, aus Ungarn nach Berlin gekommen, scheint weit sensibler und fragiler; sie hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und wird in ihren Depressionen zunehmend von einer etwas obskuren Frauen-WG auf dem Land in Bann gezogen.


Im folgenden Roman „Das Ungeheuer“ ist Flora schon zu Beginn fast ein Jahr tot – ihr Suizid hat Darius über Monate gelähmt. Die Trennung von Darius und Flora greift Mora radikal auf, indem sie fast über die ganze Textstrecke, die Buchseiten zweiteilt:
– Oben lesen wir jeweils, wie Darius aufbricht, im Gepäck Floras Asche und ihr geheimes Tagebuch. Aus der Reise zu Floras ungarischem Heimatort wird eine Odyssee quer durch den Balkan bis in die Kaukasus-Region, durchsetzt mit Reminiszenzen an Floras Leben sowie einer Fülle skurriler Begegnungen aus den Jahrzehnten seit 1989.
– Der untere Teil der Textspur präsentiert ungeordnet und unkommentiert Floras ungarischen Tagebuchnotate, ehe sie in den Wald ging, um sich zu erhängen. Eine kühnes Konzept, das opulente Reiseaventüren koppelt mit der unerbittlichen Härte des „Ungeheuers“ namens Depression. Selten habe ich so eindringlich von der Ausweglosigkeit, der finalen Verzweiflung einer Depressionskranken gelesen:


„Ich gehe auf der Strasse und habe das Gefühl, jeder, dem es einfiele könnte einfach in mich hineingreifen und mir Herz und Lunge herausreissen“, heisst es von Flora; ob der Herabsetzungen als Frau, als Ausländerin wird sie zusehends mürber und erlebt ihre wachsende Verlorenheit und Erschöpfung so als müsste sie „permanent von Eisscholle zu Eisscholle hüpfen“.


Mit der so gewagten wie gelungenen Doppelperspektive bis in die Buchgestaltung hinein hat Terézia Mora vor vier Jahren für „Das Ungeheuer“ den Deutschen Buchpreis erhalten und einen neuen Höhepunkt ihre Schaffens erreicht; tiefer als je zuvor blickt sie in die Abgründe menschlicher Existenzen und ins Zentrum aktueller Befindlichkeiten. Geduldig, nicht minder sehnlich warten wir auf den abschliessenden dritten Band dieser Trilogie!


Auch wenn ich Ihnen vorab die Romane und Erzählungen unserer Preisträgerin zur Lektüre empfehle – möchte ich mit Nachdruck auf zwei Bände hinweisen, in denen Terézia Mora eine scheinbar unspektakuläres Genre zur Meisterschaft bringt: Das sind ihre Poetik-Vorlesungen, die sie in Frankfurt und Salzburg gehalten hat und die in Buchform mit den Titeln „Nicht sterben“ und „Der geheime Text“ erschienen sind. So präzise über die eigenen Texte sprechen wie Terézia Mora, das können nur wenige. Unerbittlich in der Selbstbefragung, mit dem Willen zum überlegt Unfertigen, zum mutig Mutmassenden entwickelt unsere Preisträgerin Heranführungen an ihr Werk, verbindet Entstehungsgeschichten mit poetologischer Reflexion und versucht, sich selbst auf die Schliche zu kommen. Diese Vorlesungen sind eine Fundgrube bei der Enträtselung des Wunders Literatur. Sie eröffnen oft verblüffende Blicke in die Text-Werkstatt und skizzieren beiläufig ein prägnantes Selbstporträt. Hier lässt sich nachlesen, wie die Autorin Figuren aus dem Alltag sammelt wie andere Bilder, wie ihr Personal, ihre Konstellationen oft über Jahre reifen, bis sie pfeilgerade in ein literarisches Projekt passen. Und dabei bestimmt immer die Funktion die spezifische Ausformung – nie umgekehrt!
Ihr Anliegen, um es mit eine alten Begriff zu sagen, hat sie mal unvergleichlich so formuliert:


„Aus der Höhle kommen und überleben, nicht irgendwie, sondern in einer neuen Qualität. Der Bestien draussen und drinnen Herr werden. Handlungsfähig sein. Das ist das wesentliche Ziel das ich mir vor Augen halte (...): selbst handlungsfähig zu werden und andere dabei zu unterstützen.“


Mit Terézia Mora zeichnen wir heute eine virtuose Erzählerin mit einer ganz eigenständigen, formal wie inhaltlich zwingenden Narration aus: atmosphärisch dichte, stimmige Beschreibungen stehen einer frech forschen Erzählhaltung gegenüber, die befreiend wirkt. Ihr Ton bleibt jederzeit individuell; sie variiert Register wie Rhythmus und Satzmelodie, sie schreibt nüchtern und überschwänglich zugleich. Ein nur scheinbarer Widerspruch, welcher ihre Prosa glaubhaft und authentisch macht, ihr Tiefe verleiht. Mora ist eine radikale Zeitdiagnostikerin, die gegen diese Zeit die Individuen mit ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten in Schutz nimmt. Zugleich, und das ist das Bewegende, finden ihre Protagonisten Auswege: Trotz Entwurzelung, Verlorenheit, Gleichgültigkeit gibt es immer wieder Momente zarter Zuversicht!


Das wäre abschliessend zu illustrieren: Denn ich bin Ihnen ja das Ende des Romans „Alle Tage“ schuldig geblieben: Der geschundene Held Abel Nema überlebt das irrlichternde Fliegenpilz-Delirium ebenso wie die grausame Kreuzigung durch die zu Grossstadtkriminellen gewordenen Jungs aus Abels Herkunftsland. Allerdings büsst er fast sein ganzes Sprachvermögen und alle Fremdsprachenkenntnisse ein. Zu allem sagt er nurmehr „Das ist gut.“ Angesichts dessen, was er erlitten hat, der pure Sarkasmus. Oder doch nicht? Auf den letzten Seiten wird fast verschämt ein glücklicher Ausgang skizziert: Mercedes ist bei Abel geblieben, ja sie werden Eltern:
Wir sehen Abel mit Omar und dessen Schwesterchen in jenem Park, wo er einst Abel heimlich getroffen hat:


„Omar nimmt seine Hand von der kalten, verschwitzten Stirn seines immer noch Stiefvaters und nimmt das warme, klebrige Händchen seiner Schwester. Er passt sich ihren Schritten an. Was sie auch immer tut: sie lächelt. Sie hat die spiegelnden Augen und die langen Glieder ihres Vaters geerbt und die freundlichen Wangen und den vertrauensseligen Mund der Mutter. (...) rechts von ihm trippelt das kleine Mädchen, dem er seine ganze Aufmerksamkeit schenkt. Ausser, wenn er einen Blick zurückwirft zu einer gewissen Bank, ob er noch dasitzt, mit etwas schief gehaltenem Kopf, sanft lächelnd, wie früher manchmal auch, Abel Nema, und ihnen zuschaut. Die Amnesie hat sich bestätigt (...) Am liebsten sagt er noch immer: Das ist gut. (...) Das gut. Ein letztes Wort. Es ist gut.“


Ein humanes Ende ist also zumindest vorstellbar und dies – so will Terézia Mora wohl andeuten – ist das Vorrecht der Literatur und EINE Ausformung ihre Anspruchs an Schreibende: „Alternative Narrationen anbieten, das, nichts weniger, ist die Arbeit der Schreibkundigen.“


Eine ähnliche Szene findet sich im jüngsten Band „Die Liebe unter Aliens“ mit elf meist melancholisch gestimmten Erzählungen über Fremdheit und Entfremdung. „Das Geschenk oder die Göttin der Barmherzigkeit“ heisst die Geschichte, die den Band, gewiss nicht zufällig beschliesst: Terézia Mora erzählt darin von einem Japaner, der, als Professor nach Berlin gekommen, nach der Pensionierung beim Spazieren im Reinigungsgeschäft seines Viertels einer Frau aus seiner Heimatstadt begegnet. Daraus erwächst eine wunderbare, zart hingetuschte, beidseits vorerst mehr geträumte als gelebte Liebesgeschichte; dann sehen sich die zwei bei der überraschenden Hochzeit seines Sohnes mit ihrer Tochter wieder:


„Sie waren lange weg, sagte Ima leise, so dass nur er es hören konnte. Man kann auch antworten, ohne den anderen dabei anzusehen, aber Mashiko Sato wusste, dass er es jetzt tun musste, denn der Rest seines Lebens würde für einen zweiten Versuch vielleicht nicht mehr ausreichen. Er drehte sich also zu ihr hin und sah ihr ins Gesicht, und als er das tat, als er sie anblickte, und dadurch, wie sie schaute, wusste er es gibt keinen Ausweg. Ich bin kein Vogel ohne Gedächtnis, ich bin ein Mann und werde diese Frau lieben bis ich sterbe.“


Noch spricht der Mann dies aber nicht aus – der allerletzte Satz der Geschichte und des Buches lautet:


„Lass uns einfach nur hier sitzen, so nahe, wie wir uns noch nie gekommen sind, deine Schulter, die beinahe meine Schulter berührt. Lass uns noch für eine Weile in diesem Glück verharren.“


Zu solch anrührenden Miniaturen voller Zuversicht ist unsere Preisträgerin also auch begabt und das unterstreicht nur ihre aus tiefer Humanität gespeiste Vielseitigkeit.
Ihr elektrisierend gegenwärtiger Themenfokus, ihre souveräne Kompositionskunst, ihre quecksilbrig virtuose Sprachbehandlung, mal umwerfend wuchtig , mal anrührend zerbrechlich, dies alles macht Terézia Mora zu einer der aufwühlendsten und wirkungsvollsten Stimmen der aktuellen Erzählliteratur.


Ganz herzlichen Glückwunsch also, liebe Terézia Mora zum Solothurner Literaturpreis und viel Kraft und Kühnheit zu weiteren Büchern!
Danken möchte ich dem Verein „Solothurner Literaturpreis“ , namentlich seinem scheidenden Präsidenten Ivo Bracher und dem umsichtigen Organisator der heutigen Veranstaltung, Frank Schneider.


Und zum Thema Abschied:
Auch unsere Jury nimmt heute Abschied - ich möchte Christine Tresch und Beat Mazenauer für die stets konstruktive und ergiebige Zusammenarbeit über Jahre ganz herzlich danken - alle Laudationes wurden aus gemeinsamen Gesprächen entwickelt.
Dies ist das 20. Mal das ich vor Ihnen in dieser Funktion stehe: begonnen hat es 1998 mit Thomas Hürlimann, auch einem Wahlberliner, und Terézia Mora bildet einen höchst würdigen Abschluss einer Liste von Preisträgerinnen und -trägern, die sich, wie ich in aller Bescheidenheit meine , sehen lässt - Sie finden die Namen auf der Website des Preises.
Und so ist es für mich auch eine grosse Freude, die Fortsetzung in guten Händen zu wissen: mit Vereinspräsident Walter Pretelli und mit der neuen Jury-Vorsitzenden: Es ist Nicola Steiner, Literaturredaktorin bei Schweizer Radio und Fernsehen und Moderation des ‚Literaturclubs‘. Ich habe sie im Schosse der SRF-Literaturredaktion als so kompetente wie kooperative Literaturbegeisterte kennengelernt und freue mich, mein Amt in ihre Hände zu legen. Die weiteren Jurymitglieder werden später benannt.


Und ganz zuletzt danken wir alle Franziska Baschung, Klarinette und Manuela Bürgisser, Akkordeon für die stimmige musikalische Umrahmung.


Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit!



Laudatio gehalten am 28. Mai 2017 im Stadttheater Solothurn.