Dankesrede von Ruth Schweikert

 

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident, sehr geehrte Jury, sehr geehrte Sponsoren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde, geschätztes Publikum

Selten ist es mir so schwergefallen, eine Rede zu halten wie heute. Nicht, dass es mir grundsätzlich schwerfiele, eine Rede zu halten oder mich zu bedanken; schon eher fällt es mir schwer, etwas anzunehmen, in diesem Fall einen Preis, den zu bekommen ich mir seit ungefähr elf Jahren insgeheim gewünscht habe; so insgeheim, dass ich es selber gar nicht richtig merken wollte. Ich habe also Jahr für Jahr nachgelesen, wer den Solothurner Literaturpreis stattdessen bekommen hat, wie bei einer Blutentnahme einen kurzen Stich verspürt und dabei gedacht: schön und gut, aber den Preis hätten sie auch mal mir geben können, bevor ich mich für X oder Y freute, die ihn weiss Gott verdient hatten; im Grunde genommen erleichtert, dass ich noch einmal davon gekommen war – ich vermute, der einen oder anderen Kollegin geht es durchaus ähnlich -; dass ich mich vielleicht ein Bisschen gekränkt fühlen, aber ansonsten unbehelligt weiterwursteln konnte an meinen Texten und Projekten. Denn als Wunschvorstellung ist ein solcher Preis etwas sehr Schönes, Begehrenswertes; wenn dieser Wunsch indessen sich plötzlich erfüllt, fühlt man sich ertappt; dazu gesellt sich eine Irritation, ein Unbehagen, sich unversehens im Einklang zu wissen mit „der Welt“, zu der man gerne eine gewisse Distanz einnimmt. „Die Ehrung“, so Hannah Arendt 1959 in ihrer Rede zum Lessingpreis, „mahnt uns nicht nur auf besondere, unüberhörbare Weise an die Dankbarkeit, die wir der Welt schulden; sie ist darüber hinaus in einem sehr hohen Masse weltverpflichtend, weil sie uns, da wir sie ja auch immer ablehnen können, in unserer Stellung zur Welt nicht nur bestärkt, sondern uns auch auf sie festlegt.“

Es ist Donnerstagabend; ich sitze in Paris an meinem Schreibtisch und versuche mir vorzustellen, wie ich Hannah Arendts Gedanken am Sonntagmorgen mit Ihnen teile, den hier Anwesenden und den Abwesenden; doch kaum steht dieses Wort in meinem Text, verstummt er. Ich füge Sätze hinzu, die Abwesenden betreffend – wer sind sie?, und streiche die Sätze wieder; die Zeit vergeht, Räume gehen auf und fallen in sich zusammen; es wird Freitagmorgen, Freitagabend – ich fliege nach Zürich zurück; es wird Samstagmittag, Samstagabend, und noch immer stehen die Abwesenden da, die Anwesenden und die Abwesenden; Menschen, die anderes, ganz anderes zu tun haben, oder ganz woanders sind, die von ihrer Abwesenheit heute Morgen im Stadttheater Solothurn nichts wissen und auch nichts zu wissen brauchen, aber vielleicht brauchen wir sie; und wir, das heisst jede Einzelne, jeder Einzelne mag sich einen Moment lang eine Abwesende, einen Abwesenden vorstellen.

Hannah Arendt hingegen war von Anfang an anwesend in dieser Rede, bevor sie in ihr zur Sprache kam; ihr Gedanke vor allem, dass die Welt erst menschlich wird, wenn sie Gegenstand des Gesprächs wird. „Die Welt“, sagte sie in jener Rede, „liegt zwischen den Menschen, und dies Zwischen – viel mehr als, wie man häufig meint, die Menschen oder gar der Mensch – ist heute Gegenstand der grössten Sorge.“ Arendts Rede trägt den Titel: Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten, und ich lade Sie ein, diesem „Zwischen“ ein wenig nachzugehen; diesem Zwischen, das sowohl eine Verbindung beschreibt wie auch eine Distanz zwischen den Menschen; oder genauer gesagt, dieses Zwischen schafft erst die Verbindungen und Distanzen, die dann zusammen die zur Sprache gebrachte Welt ergeben. Nicht um Mehrheits- oder gar Wahrheitsfindung geht es in diesem Sprechen – denn damit wäre jedes Gespräch sogleich zu Ende -, sondern im Gegenteil, um die permanente Herstellung eines öffentlichen Raums, in den hinein möglichst viele sprechen und in dem sie auch gehört werden.

„Wahrheit kann es nur dort geben“, führt Hanna Arendt aus, „wo sie durch das Sprechen vermenschlicht wird, nur wo einer jeder und eine jede sagt, nicht, was ihm gerade einfällt, aber was ihm gerade „Wahrheit dünkt“.

Vielleicht fällt es mir deshalb schwer, hier und heute vor Ihnen zu sprechen, weil es zur Zeit wenig gibt, das mich „Wahrheit dünkt“, oder das mir nur schon richtig erscheint; wenig, in dem ich recht zu haben glaube, und das ich deshalb mit Ihnen teilen könnte, ausser vielleicht eben das Modell der Freundschaft, das Arendt in Anlehnung an Lessing und seine Ringparabel entwickelt; Nathan, so konstatiert sie, hat „die Wahrheit“ der Freundschaft geopfert – „der wahre Ring, er ging verloren“ – denn jede Wahrheit ausserhalb dieses von Menschen einander gewährten Sprechraums, „ob sie nun ein Heil oder Unheil bringen mag“, sei unmenschlich im wörtlichsten Sinne, aber nicht, weil sie die Menschen gegeneinander aufbringen würde und voneinander entfernen, sondern eher umgekehrt, „weil sie zur Folge haben könnte, dass alle Menschen sich plötzlich auf eine einzige Meinung einigten, so dass aus vielen einer würde, womit die Welt, die sich immer nur zwischen den Menschen in ihrer Vielfalt bilden kann, von der Erde verschwände.“

Ich danke der Jury, und ich danke Ihnen, geschätztes Publikum, wenn Sie alle mithelfen, dass die Welt nicht von der Erde verschwindet, indem Sie den einen oder den anderen An- oder Abwesenden immer wieder zum Gespräch einladen über das, was ihn gerade „Wahrheit dünkt“.

Ruth Schweikert
8. Mai 2016, Stadttheater Solothurn
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