Laudatio von Hans Ulrich Probst

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„... der Antrieb für ihre Arbeit schien bloss ein Mangel zu sein; geboren aus der Unfähigkeit, sich selbst zu begreifen, die eigene Geschichte und die Geschichten dieser Welt …“

„Der Mensch ist Bürger zweier Welten, jener, die ist und der anderen, die sein könnte. Der Macht des Faktischen kann die Kunst den Entwurf des Möglichen gegenüberstellen.“



Liebe Ruth Schweikert, meine Damen und Herren,

Ich heisse Sie meinerseits herzlich willkommen zur Verleihung des Solothurner Literaturpreises 2016. Es ist mir eine riesige Freude, Ihnen Ruth Schweikert und ihr Werk hier näher bringen zu dürfen.

Wir zeichnen mit Ruth Schweikert eine unverwechselbare literarische Stimme unser Landes aus; seit über zwanzig Jahren widmet sie sich leidenschaftlich und hartnäckig in einer mal poetischen, mal politischen, mal rauen, mal zärtlichen, jederzeit kraftvollen Ausdrucksweise den grundlegenden Fragen unserer Existenz. Liebe und Tod sind ihre Hauptthemen – nun könnte man einwenden, dies gälte für jede Literatur, doch nur wenige widmen sich wie Ruth Schweikert derart unverwandt und schonungslos, auch sich selber gegenüber, der condition humaine. Dabei spricht unsere Preisträgerin stets von sich und zugleich von uns und unseren Fragen an die Gegenwart; sie tut dies in einer bestechend sinnlichen Sprache – so zuletzt im vor Jahresfrist erschienenen Roman „Wie wir älter werden“.

Der Solothurner Literaturpreis ist, es sei dies wieder einmal erwähnt, keine Auszeichnung für ein Einzelwerk – wie der Schweizer Buchpreis oder die Schweizer Literaturpreise, welche das Bundesamt für Kultur ausrichtet –, sondern er gilt dem gesamten Schaffen einer Autorin, eines Autors aus dem deutschsprachigen Raum: So stehen auf der Liste der bisherigen PreisträgerInnen neben zum Beispiel Peter Bichsel oder Klaus Merz eben so bedeutende KollegInnen aus Österreich – wie Christoph Ransmayr oder Anna Mitgutsch – und aus Deutschlands ehemaligem Westen und Osten, etwa Juli Zeh, Wilhelm Genazino, Christoph Hein oder Jenny Erpenbeck.
Auch ist daran zu erinnern, dass unsere Preisverleihung zwar schon zum fünften Mal im Umfeld der Literaturtage stattfindet, die Träger und die Jury des Preises aber unabhängig von den Literaturtagen agieren. Es waren Autorinnen und Autoren, welche die Solothurner Literaturtage vor 37 Jahren als Lese- und Dialogforum für Autorinnen und Autoren erfunden und durchgeführt haben; und in dieses Konzept des Austauschs unter Gleichen würde – bis heute, wie ich meine – sehr schlecht passen, einen Gast hervorzuheben.

I

Zurück zum so stimmigen wie vielschichtigen Oeuvre unserer Preisträgerin.

Vielleicht erinnern Sie sich an Ruth Schweikerts fulminantes Debüt mit dem Erzählband „Erdnüsse Totschlagen“, aus dem sie 1994 hier an den Literaturtagen erstmals las – und sogleich als ungestüme, eigenständige Stimme wahrgenommen worden war. Zum Beispiel mit Textanfängen wie dem folgenden, fast harschen, ungehobelten: „Im März 1985, am Ende ihrer Schulzeit, somit am Nullpunkt aller weiteren Erkennbarkeit und zugleich am eingetrichterten Anfang allen Lebensernstes, lag ein schweres Tuch auf Eva Schindlers Schultern: die Freiheit.“

Ein Auftakt, der es in sich hatte und dem viele weitere Textanfänge folgten, die von der literarischen Meisterschaft und der Fähigkeit dieser Autorin zur Fokussierung und Pointierung zeugen.
Fesselnd, den konkreten Alltag mit leiser Poesie verknüpfend, beginnt das erste Kapitel von „Augen zu“, Ruth Schweikerts erstem Roman, 1998 erschienen:
„Zürich, Freitag, sechzehnter Juni 1995, neun Uhr fünfzehn; es regnete sanft auf Dachterrassen und Satteldächer der Stadt, auf die neunzehn durchsichtigen Lions’ King-Regenschirme jener Erstklässler, die in Zweierreihen obligatorisch unterwegs waren zur Schulschwimmanlage an der Besenrainstrasse, auf die Gräber im Friedhof Nordheim, auf plattgetretenem zahnschonenden Kaugummis in den Fussgängerzonen, durchs offene Schlafzimmerfenster auf die beiden Gesichter, fast reglos atmend, eines nicht mehr ganz jungen Mannes, Raoul Felix Lieben, und einer haargenau dreissigjährigen Frau, Aleks Martin Schwarz, die dreizehn Stunden später ein gesundes Kind zeugten, das namenlos starb und vor seiner Geburt.“

Auch der Anfang des Folgeromans „Ohio“ von 2005 zielt pfeilgerade ins Zentrum des Buches, in dem die Autorin die Motive von Liebe und Kindern wirkungsvoll variiert:
„Aber wie und, womit hatte es angefangen“, hatte Merete gesagt, und ihre Stimme war plötzlich weich geworden und dunkel wie früher manchmal. Ihre Lippen waren ausgetrocknet, der linke Mundwinkel hatte sich entzündet, und Andreas dachte daran, wie sie am Anfang ihrer Liebe einander gefüttert hatten, mit Tomaten, Käse und Weissbrot, wie Eltern ihre kleinen Kinder füttern, die so klein und so neu sind, dass man sie unentwegt ansehen und füttern muss, damit sie nicht gleich wieder aus dieser Welt verschwinden.“

Schliesslich noch ein letzter Anfang:
„Friederike sass, wie fast immer in letzter Zeit, mit dem Rücken zum grossen Wohnzimmerfenster, das auf den Balkon ging; ihre schmal gewordene Gestalt beinahe reglos, dabei erstaunlich aufrecht; die Beine hatte sie waagrecht ausgestreckt und die Füsse, in dicke Wollsocken verpackt, auf einen zweiten Stuhl gebettet, so dass Ober- und Unterkörper einen recht Winkel bildeten; wie die Zeiger einer Uhr, dachte Jacques einmal mehr, die stehengeblieben war auf Viertel nach zwölf.“

Mit diesem dichten Bild der hochbetagten Friederike beginnt Ruth Schweikert ihr jüngstes Buch, „Wie wir älter werden“.

II

Der vor Jahresfrist erschienene Roman unterzieht zwei Familien einer strengen Selbstbefragung und deckt dabei Lebenslügen auf, denen sich Eltern, Kinder und Enkel zu stellen haben. Friederike und Jacques Brunold ziehen in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Mittellandkleinstädtchen drei Kinder auf, Kathrin, Johannes und Sebastian. Jacques hat überdies mit seiner ersten Liebe und Studienkollegin Helena zwei weitere, fast gleich alte Nachkommen, Iris und Sabine. Diese wachsen bei Helena und ihrem Ehemann Emil Seitz auf. Um den gut aussehenden Apotheker zu heiraten, hatte Helena Jacques abrupt verlassen. Nur Miriam, ihre älteste Tochter, ist das Kind von Emil.
Diese verhängnisvolle Verstrickung zweier Familien entwirrt sich erst nach und nach. Denn die beiden Elternpaare schlossen einen „Pakt des lebenslangen Schweigens (...) zum Schutz ihrer Kinder, die in intakten Familien aufwachsen sollten, in denen alles seine Richtigkeit hatte, vor Gott und der Welt und den Nachbarn“ – wie es mit bitterer Ironie gegen Ende des Buches heisst.
Auch wenn die zweite Generation sich auflehnt gegen das dumpfe Schweigen – Iris und ihr erster Freund Frankie etwa „hatten einander geschworen, in jedem Moment so offen und aufrichtig wie möglich zu sein; nichts voreinander zu verbergen und einander nichts zu ersparen, (...) die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, das war das Glaubensbekenntnis und das Geheimnis ihrer Liebe“ –, auch wenn die Kinder das verlogene Spiel der Eltern irgendwann nicht mehr mitmachen wollen, „die langen Schatten des Schweigens und unendlich komplizierter Lügen“ legen sich auch über sie. Dazu gehören die Verdrängung des Drogen-Tods der 19jährigen Miriam – ein Unfall oder doch Suizid? – oder die Lüge, mit der Friederike ihre Kinder abspeist, als der Vater Jacques wegen eines Delikts als überehrgeiziger Jurist eine Haftstrafe in Genf verbüsst, aber von einem Sprachaufenthalt in der Romandie gesprochen wird.

Ruth Schweikert erzählt in Zeiten und Schicksalen hin und herwechselnd, kompakt ausgearbeitete Szenen, aus welchen die komplexen Konstellationen und die unterschiedlichen Gefühlslagen der Akteure plastisch erstehen. Aus dem Gemenge turbulenter Schicksale und verschlungener Familienverhältnisse schält sie nach und nach ihr Bild von der Vielheit an Liebes- und Lebenswahrheiten heraus. Das Buch schliesst, so wie es begonnen hat, mit dem Blick auf den gealterten Jacques und die demente Friederike – und kommt dennoch weniger zu einem Ende als zu einem Auspendeln: Viele der abgewickelten Erzählfäden bleiben lose oder gar nicht verknüpft. Der Roman schafft ein assoziatives und mit bewusst fehlenden Steinen angelegtes Mosaik. Aber jeder einzelne Erzählstein ist makellos geschliffen und sein spezifisches Gewicht so hoch, dass wir auf knappstem Raum nicht einen, sondern eine Vielzahl von Romanen zu lesen glauben.

Der Erzählerin gelingt die Signatur der Gegenwart prägnant, aber sie verweigert sich jeder geschlossenen Dramaturgie und beansprucht keine Deutungshoheit. Die faktische Unübersichtlichkeit und Vielschichtigkeit der Welt sollen gerade nicht vereinfacht werden: Die privaten Wechselfälle – Liebe, Kinderglück, Erfolg, aber auch Krankheit, Tod, Liebesverlust und Verrat – werden nicht erst in diesem dritten Roman im Umfeld konkreter historischer Daten verankert, aber nie kurzgeschlossen.

Solche Verweise – etwa auf die Terroranschläge während der Olympischen Sommerspiele in München oder den Attentäter Breivik im norwegischen Utøya – zwingen uns Lesende, aus dem suggestiven Strom der geschilderten familiären Verwerfungen herauszutreten und sie mit unserer eigenen Geschichte in Beziehung zu setzen.

„Es prägt letztlich auch mein Leben, dass geschichtliche Ereignisse lange im Privaten nachwirken. Ich will weniger Weltgeschichte nacherzählen als das, was sich in der Biographie fortsetzt“,
hat die Autorin einmal gesagt. Der Titel „Wie wir älter werden“, verweist gerade darauf, wie sich die Sicht der Dinge im Lauf der Zeit und für jeden, der drauf blickt, je anders präsentiert. Diese schillernde Präsenz jedes Satzes erzeugt die mal beklemmende, mal berauschende Wirkung des Textes.

Hören wir einen solch konzentrierten, unnachahmlichen Schweikert-Satz: Er handelt von Andrea, Nachbarskind der Brunolds und Freundin von Kathrin; sie erliegt, kaum vierzig, einem Krebsleiden; ihre Eltern übernehmen als letzte Lebensaufgabe die Begleitung des Sterben:
„... und als Heidi Schifferli sich am frühen Morgen des 9. Januar, es war noch stockdunkel draussen, einzig das fahle Licht einer Strassenlaterne erhellte das Krankenbett, zu ihrem Mädchen legte und ihren abgemagerten Körper mit ihren Armen umfasste, fühlte es sich beinahe an wie damals, kurz nach der Geburt, die nun in umgekehrter Richtung ablief; als ziehe ihr uraltes Kind sich mit jedem Atemzug ein kleines Stück weiter aus dem Leben zurück bis es ganz still wurde im Zimmer und nur noch ihr eigener Atem zu hören war, und dann ein Schrei.“

Eindringlicher, bewegender lässt sich das Skandalon eines solchen Todes vor der Zeit nicht schildern.

III

Dem Roman „Wie wir älter werden“ vorangestellt ist ein Zitat aus dem ersten Tagebuch 1946-49 von Max Frisch:
„Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur. Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und für den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, dass man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei.“

Hier ist Ruth Schweikerts Schreibhaltung wohl gültig eingefangen. Es ist ein schöner Zufall, dass wir die Autorin just dreissig Jahre nach Frischs letztem grossen Auftritt in Solothurn an seinem 75. Geburtstag 1986 ehren:
„ ... wie Frisch die eigene Person immer wieder infrage stellt und sich zugleich immer verortet in Zeit und Raum – das ist mir nahe“, bekennt sie.

Und wenn es in „Wie wir älter werden“, einmal heisst:
„Unsere Geschichten nähren sich, aus dem was wir nicht verstehen.“
ist dies als subtile Hommage an einen anderen ihr nahestehenden Schweizer Autor lesen: Jörg Steiner. „Wir verstehen nicht, was geschieht“ heisst es in seinem wunderbaren Alterswerk „Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean“ – und Ruth Schweikert hat in „Ohio“ geschrieben:
„Die Dinge geschahen. Die Ereignisse gingen den Menschen voraus und zogen eine fahle Lichtspur durch die Nacht, der man staunend folgte wie dem Rücklicht eines Autos, das auf einsamer, unbekannter Strasse plötzlich vor einem herfuhr wie aus dem Nichts.“

Die Verbindung zu Max Frisch geht indes weiter: Wie sonst vielleicht nur noch Lukas Bärfuss hat Ruth Schweikert von ihrer Leitfigur auch die Verantwortung des Schriftstellers in der Öffentlichkeit übernommen. Ihre Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien zeichnen sich aus durch subtile Beobachtungen im gesellschaftlichen Alltag und durch kluge Interventionen zu politischen Fragen. Von 2008 bis 2012 war sie Präsidentin von Suisse-Culture, der Dachorganisation der Verbände professioneller Kulturschaffender, vor Jahresfrist Kandidatin für den Nationalrat auf einer Liste „Kunst und Politik“.

Womit wir bei den biografische Eckdaten wären:
Ruth Schweikert wurde 1964 in Lörrach geboren, aufgewachsen ist sie in Aarau. Nach der Matura hat sie eine Schauspielausbildung absolviert und in verschiedenen Funktionen am Theater gearbeitet. Sie ist früh Mutter geworden, hat fünf Söhne geboren, der jüngste ist neun. Ihr Mann ist der Dokumentarfilmer Erik Bergkraut, gerade in dieser Stadt sicher bekannt als Autor des Bichsel-Films „Zimmer 202“. Seit ein paar Jahren unterrichtet Ruth Schweikert mit Passion junge Schreibende am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel; und eben, sie ist kultur- und gesellschaftspolitisch sehr präsent. Sie nutzt ihre einzigartige Sprachbegabung gerade auch, um Aufmerksamkeit für jene zu schaffen, die weniger Möglichkeiten zur prägnanten Artikulation haben. Alles, was sie im Leben macht, sagt sie selber, tut sie „mit ganzer Kraft und Überzeugung“, sie will „etwas bewirken“.

IV

Zuvorderst steht dabei gewiss das Schreiben. Wir kehren zu dessen Anfängen zurück, zum explosiven, in seiner urwüchsigen Wucht sofort als ausserordentlich wahrgenommenen Debüt, dem Erzählband „Erdnüsse, Totschlagen“. Schon der Titel signalisiert eine Boshaftigkeit, die sich bei der Lektüre als die Kehrseite von Verzweiflung und Resignation erweist. In sieben Geschichten wird hier von Frauen und Müttern berichtet, die gefangen sind zwischen Glückssehnsucht und Beziehungskatastrophen. Hoffnungsresten, Resignation und Verzweiflung.

Eine dumpf-düstere Stimmung lastet auf allem, der Tonfall ist rotzig-trotzig.

Alle wichtigen Motive in Schweikerts künftigem Werk sind schon zu finden: die Ambivalenz gegenüber Ehe und Mutterschaft, die Überforderung in diesen Rollen, so in der titelgebenden Geschichte: „Erdnüsse“, die von einer jungen, alleinerziehenden Mutter erzählt, die sich schuldig fühlt am Tod ihres Kindes und von ihrer Hinrichtung träumt – eine unbarmherzig, ausweglose Geschichte.
Oder „Totschlagen“, wo die 38jährige Alleinerziehende Daniela Schmeiss am letzten Arbeitstag ihr trostloses Lebens resümiert, das gesäumt wird von einer Vielzahl ungeliebter Liebhaber und dem Versagen gegenüber dem bei den Grosseltern gelandeten Sohn, der ihr ins Gesicht sagt:
„Schlag mich tot. Ich weiss genau, dass du mich am liebsten mit einem Beil in zwei Teile hacken möchtest. Du möchtest mich in zwei Teile hacken, bis alles Blut aus mir herausläuft und ich ganz tot bin.“

Dieser unerbittliche Erstling bildet den Auftakt zu einem weitverzweigten Werk, das neben vier grossen Prosabüchern Theaterstücke, Essays, Kurzgeschichten umfasst. Wir fokussieren hier auf die drei Romane, die man durchaus als Trilogie lesen kann, in der die erst dreissig-, dann vierzig- und nun fünfzigjährige Autorin sich und der Welt auf die Schliche kommen will.

V

Der liebste von den drei Romanen ist mir „Augen zu“. Er spielt im Wesentlichen an einem einzigen Tag, dem 16. Juni 1995, ergänzt mit Rückblenden und Vorgriffen. Es ist der dreissigste Geburtstag der aus einer unschwer als Aarau erkennbaren Kleinstadt stammenden, mit zwei Kindern in Zürich lebenden Malerin Aleks Martin Schwarz. Aleks heisst eigentlich Alexandra Heinrich und wäre lieber ein Junge geworden; als Künstlerin arbeitet sie vorab mit Schwarz. Nach einem veritablen Coup de foudre lebt Aleks mit dem Journalisten Raoul Lieben zusammen; beide haben ihre Partner subito verlassen auf der Suche nach „verboten viel Glück“. An Aleks 30. Geburtstag zeugen sie ein Kind, das jedoch vor der Geburt sterben wird. Dieses namenlos totgeborene Kind hält quasi als Epitaph den Text zusammen, der weitausgreifend in viele Einzelabschnitten erzählt wird.

Ruth Schweikert verbindet in rascher Abfolge kurze prägnante Szenen, mal hart geschnitten, mal assoziativ verbunden, im Text wird explizit auf das Verfahren im Film „Short Cuts“ von Robert Altman verwiesen. Kindheit und Umfeld von Aleks und Raoul werden ausgeleuchtet; die Familie von Raouls jüdischer Wiener Mutter ist von den Nazis ermordet worden, Aleks’ deutsche Mutter hat Mutter und Bruder 1944 bei einem Bombenangriff verloren, den Vater Wochen später durch Suizid. Diese Mutter wird, als die Kinder schon längst ausgeflogen sind, vom Gatten verlassen, ersäuft ihr Elend in Alkohol und Tabletten und landet schliesslich in der Psychiatrie.

Solche auf wenigen Seiten unvergesslich umrissene Schicksale stehen neben Alltagsschnipseln, poetischen Augenblicksschilderungen:
„Nachmittags um halb vier fiel das Licht wie ein Strom durch die breiten Fenster des Ateliers auf herumliegende Dinge, Wörter und Zeiten, die sich, von demselben Licht überzogen, ununterscheidbar einander anglichen (...) um sich beim nächsten Blick, beim nächste Gedanken wie von selbst zu zerlegen in ihre noch absurder anmutenden Bestandteile – ein lautloser Aufstand des Lichts gegen die herrschsüchtige Chronologie in unseren Köpfen; man möchte alle Uhren zertrümmern.“

Der „herrschsüchtigen Chronologie“ widersetzt sich die Erzählerin Schweikert konsequent und die Uhrenzertrümmerung erinnert natürlich an „Leonce und Lena“ von Georg Büchner, auch er eine wichtige Referenzfigur der Autorin. Dazu gesellen sich in „Augen zu“ offensichtliche Bezüge zu Ingeborg Bachmann und ihrer Erzählung „Das dreissigste Jahr“:
„Jenseits der Dreissig leuchtete einem die Sonne frontal ins Gesicht, und man begann, seinen stets länger werdenden Schatten hinter sich herzuziehen, der kurz zuvor noch, die Sonne lag wärmend im Rücken, ein Sprungbrett gewesen war“, lesen wir bei Ruth Schweikert und bei Ingeborg Bachmann:
„Wenn einer in sein dreissigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher; ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben. Und eines Morgens wacht er auf, an einem Tag, den er vergessen wird, und liegt plötzlich da, ohne sich erheben zu können, getroffen von harten Lichtstrahlen und entblösst jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag.“

Für Bachmann und Schweikert wird jenseits der Dreissig die Erinnerung zum rettenden Moment. Nochmals Ingeborg Bachmann: Der Dreissigjährige, schreibt sie,
„entdeckt in sich eine wundersame neue Fähigkeit. Die Fähigkeit sich zu erinnern. (...) Er wirft das Netz Erinnerung aus, wirft es über sich und zieht sich selbst, Erbeuter und Beute in einem, über die Zeitschwelle, die Ortschwelle, um zu sehen, wer er war und wer er geworden ist.“

In diesen Bachmann-Sätzen ist vieles von Schweikerts poetischem Verfahren aufgehoben. Gewiss kein Zufall, wenn Aleks am 30. Geburtstag bei sich ein erstes graues Haar entdeckt, so wie die Erzählerin bei Bachmann ihr erstes weisse Haar im Spiegel erblickt.

VI

Das Stichwort „Erinnerung“ leitet direkt zum mittleren Roman „Ohio“, einem Buch der Verstörung: Auch hier sind Familiengeschichten und Zeitgeschichte verwoben, wiederum wird in zeitlichen Sprüngen und Einzelszenen aus wechselnder Perspektive erzählt, führt uns der suggestive Schweikert-Sound durch die komplexe Dramaturgie. Wir haben den Anfang dieser Liebesgeschichte zwischen Merete und Andreas schon gehört. Merete begegnet Andreas an dem Tag, an dem sie erfahren hat, dass sie ein Findelkind aus dem südafrikanischen Durban ist, das ein Schweizer Paar nach dem plötzlichen Tod des eigenen Säuglings an sich genommen hatte. Merete und Andreas bekommen zwei Söhne, Jonathan und Severin und leben neun Jahre zusammen in einem fragilen Glück:

„Da sie beide nicht an einen Gott glaubten (...) war ihr kleines Ritual, die gemeinsamen Erinnerungen aufleben zu lassen, alles, was sie besassen. Eine schmale, höchst private Religion, die sie wappnen sollte gegen die Zukunft; gegen das, was sie von ihr wussten, dass ihre Körper, ihre Leben und ihre Ehe mit jedem Tag älter wurden -, und gegen das was sie nicht von ihr wussten: wie es sich zeigen und wie sie es ertragen würden.“

Wunderbar zärtlich formuliert ist das und unübersehbar auch ein Vorgriff auf den letzten Roman „Wie wir älter werden“. Als sich Merete in einen anderen, deutlich älteren Mann verliebt und Andreas das Schuldgefühl für einen glimpflich verlaufenen Fahrradunfall des fünfjährigen Jonathan nicht loswird, „waren die festgefügten Dinge in Meretes und Andreas’ Leben nacheinander explodiert, als wären sie an einer Zündschnur aufgereiht“.

Auf Meretes Drängen reist Andreas für eine Auszeit nach Durban und bringt sich dort um -nachdem Merete ihm nachgereist ist, um ihm vom Tod seines Vaters zu berichten. Er ist an seinen Erinnerungen und der Wiederholung von Lebensmustern gescheitert:
„Das Unerträgliche an Erinnerungen war, dass sie existierten. Unabhängig davon, ob man sie brauchte oder ob sie einen leise verhöhnten.“
Merete hingegen klammert sich an die Lebensspuren der Toten, um weiterleben zu können, und schreibt ihre Geschichte mit Andreas auf – illusionslos:
„Es gab keinen richtigen Umgang mit dem, was geschehen war. Es gab nur die Möglichkeit weiterzuleben.“

VII

Bob Dylan-Songs begleiten Merete und Andreas, allen voran das düstere „Not yet dark, but it’s getting there“, aber auch die Beschwörung ewiger Jugend „For ever young“:
„ ... may you grow up to be true, may you always know the truth, may your wishes all come true, may you always do for others an let others do for you.“

Es geht in diesem Song nicht um Jugendwahn, sondern um Wahrheitssuche, geistiges Jungbleiben und wechselseitige Empathie – ein weiteres Schlüsselwort für das Verhältnis von Ruth Schweikert zu ihren Figuren.

„Ich bin allen meinen Figuren nahe beim Schreiben“, sagt sie und dies spüren auch die Lesenden: Schweikert-Texte lassen einen nicht gleichgültig, sie stellen Fragen, kommen einem nahe. Das verdankt sich wesentlich der literarischen Finesse und subtilen Spracharbeit, mit der die Stoffe zu ihrer finalen Form eingedampft werden: Spracharbeit fern aller Hochglanz-Sterilität ist das, die aufgeraute und in der Unschärfe aussagekräftige Momentaufnahmen liefert. Die Schweikertschen Sprachkunstwerke lassen überdies auch den Prozess ihrer Entstehung und die kreativen Selbstzweifel der Schreibenden mit aufblitzen. In „Wie wir älter werden“, reflektiert die Journalistin Kathrin:

„Sie hatte eine Weile gebraucht, bis sie dem Unbehagen auf die Spur kam, das sie beim Schreiben am meisten umtrieb; der Zufall, das Zufällige, das jedem Text innewohnte, selbst wenn das Material vorgegeben war; und dass sie beim Schreiben umtrieb; der Zufall, das Zufällige, das jedem Text innewohnte (...) und dass sie beim Überarbeiten nichts anderes tat, als eben den Eindruck des Zufälligen zu verwischen, bis der fertige Text so selbstverständlich dastand, als wäre er nur genau so denkbar, als hätte er von Anfang an nur so und nicht anders geschrieben werden können.“

Ich komme zum Schluss. Wir zeichnen Ruth Schweikert heute mit dem Solothurner Literaturpreis 2016 aus für ein Werk, das mit radikaler Konsequenz und tiefer Empathie von Menschen erzählt, die sich gestern und heute im Räderwerk des Alltags zu behaupten suchen. Hartnäckig umkreist die Autorin in ihren Texten die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und als Quelle von Glück und Verhängnis. Ihr schonungsloser Blick auf das Private lässt dabei nie den weiten zeitgeschichtlichen Horizont ausser Acht, in dem die individuelle Erfahrung aufgehoben ist.
In dieser Eindringlichkeit zeichnet gegenwärtig niemand sonst die Signaturen und Verwerfungen der Epoche. Dabei gelingen der Preisträgerin enorm stimmige Szenen, die – mal drastisch, mal fast lyrisch, verzweifelt und hoffnungsvoll zugleich – von uns allen erzählen und uns zeigen:
„Der Mensch ist Bürger zweier Welten, jener, die ist und der anderen, die sein könnte. Der Macht des Faktischen kann die Kunst den Entwurf des Möglichen gegenüberstellen.“


Herzlichsten Glückwunsch also, liebe Ruth Schweikert. Natürlich verbinden wir mit der Auszeichnung die Hoffnung auf viele weitere so aufregende wie aufsässige und grandios formulierte Texte und Einwürfe – im Wissen darum, wie viel Energie sie die Autorin kosten.

Wir freuen uns weiter, dass auch andere Jurys die singuläre Qualität dieser literarischen Stimme erkannt haben. So hat Ruth Schweikert für „Wie wir älter werden“ einen Schweizer Literaturpreis des Bundesamtes für Kultur erhalten, und wie vor kurzem bekannt geworden ist, verleiht ihr die Stadt Zürich ihren mit 50’000.- Franken dotierten Kunstpreis 2016 – auch hierzu ganz herzliche Gratulation!
Ich danke Christine Tresch und Beat Mazenauer von der Jury; wie stets ist die Laudatio die Frucht unserer gemeinsamen Gespräche und Debatten. Besonderer Dank geht an den Verein Solothurner Literaturpreis, der uns völlig unabhängig arbeiten lässt. Namentlich sei Präsident Ivo Bracher Organisator Frank Schneider gedankt. Und ganz zuletzt danken wir alle der Harfenistin Saskia Beck für die stimmige musikalische Umrahmung.

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Laudatio gehalten am 8. Mai 2016 im Stadttheater Solothurn

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