Ruth Schweikert wird mit dem Solothurner Literaturpreis 2016 für ein Werk ausgezeichnet, das mit radikaler Konsequenz und tiefer Empathie von Menschen erzählt, die sich im Räderwerk des Alltags zu behaupten suchen. Hartnäckig und literarisch brillant umkreist sie in ihren Texten die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und als Quelle von Glück und Verhängnis. Ihr schonungsloser Blick auf das Private lässt dabei nie den weiten zeitgeschichtlichen Horizont ausser Acht, in dem die individuelle Erfahrung aufgehoben ist. In der Öffentlichkeit hat sie sich vor allem auch einen Namen gemacht als kulturpolitisch wache Autorin, die ihre Stimme mutig in den politischen Diskurs einbringt.

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst (Vorsitz), Christine Tresch und Beat Mazenauer, zeichnet die 1964 im badischen Lörrach geborene, in Aarau aufgewachsene und heute in Zürich lebende Ruth Schweikert für ihr Werk aus, das vier Prosabände, drei Theaterstücke sowie zahlreiche Aufsätze und Interventionen umfasst.

Ruth Schweikerts fulminanter Auftakt, der Erzählband „Erdnüsse. Totschlagen" (1994), signalisiert im Titel eine Boshaftigkeit, die sich bei der Lektüre als die Kehrseite von Verzweiflung und Resignation erweist. In sieben Geschichten erzählt sie von Frauen und Müttern, die gefangen sind zwischen den täglichen Beziehungs-Katastrophen und dem Wunsch nach Glück. In einer harschen, fast ungehobelten Sprache verfasst, kommt hier ein ganz neuer Ton in die Schweizer Literatur. Stilistisch beindruckend treibt Schweikert vier Jahre später das Thema im Roman „Augen zu" weiter, in dem ein Paar im Zentrum steht, das nach manchen Liebesversuchen zueinander gefunden hat und gemeinsam nach „verboten viel Glück" sucht, doch im Gespinst von Hoffnung und Scheitern stecken bleibt. Eine komplexe und zugleich fein ausbalancierte Erzähldramaturgie liegt auch dem Roman „Ohio" (2005) zugrunde. Er erzählt, - konzentriert auf die letzten Lebensstunden eines Mannes - von einem Paar, dessen gegenwärtige Verstörung in lange gehüteten Familiengeheimnissen gründet.
Ruth Schweikerts Schreiben ist stets geerdet in persönlicher Erfahrung, die sich aber nie narzisstisch ausdrückt, sondern auf gesellschaftliche Signifikanz zielt. Ihr Familienalltag mit fünf Kindern und ihr intensives kulturpolitisches Engagement haben immer wieder zu längeren Publikationspausen geführt. So liegt ein ganzes Jahrzehnt zwischen „Ohio" und dem jüngsten Generationenroman „Wie wir älter werden" (2015), der die Autorin gereift und souverän zeigt: Der Roman unterzieht zwei Familien einer strengen Selbstbefragung und deckt so Lebenslügen auf, denen sich Eltern, Kinder und Enkel zu stellen haben. Zupackend, schlicht und mit grossem Einfühlungsvermögen erzählt Ruth Schweikert von Liebe und Verrat, idealen Lebensentwürfen und deren Scheitern. Die verschlungenen Familienverhältnisse entwirrt sie assoziativ, um aus der Fülle der turbulenten Episoden und Geschichten die Vielheit an Liebes- und Lebenswahrheiten herauszuschälen.


Werke von Ruth Schweikert

  • Erdnüsse. Totschlagen. Erzählungen. Rotpunktverlag, Zürich 1994
  • Paris – Paris. Reflexionen. Mit Fotos von Peter Schweizer. Edition Schweizer, Pratteln 1996
  • Augen zu. Roman. Ammann Verlag, Zürich 1998
  • Ohio. Roman. Ammann Verlag, Zürich 2005
  • Hin und Her. Ein Dialog zwischen Peter Radelfinger und Ruth Schweikert. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2006
  • Wie wir älter werden. Roman. S. Fischer, Frankfurt 2015.


Theaterstücke

  • Welcome home, 1998 (Theater am Neumarkt Zürich)
  • und dunkel und hell (zus. mit Simon Fröhling), 2009 (Tuchlaube, Aarau)
  • Mary und Mary, 2009 (Stadttheater Chur)

 

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