Thomas Hettche erhält den Solothurner Literaturpreis für sein beeindruckendes Werk, das thematischen Reichtum mit erzählerischer Virtuosität verbindet. Mit Feingefühl für Atmosphäre und Figurenzeichnung ergründet er auf ebenso reflektierte wie berührende Weise die Condition humaine und sucht in seinen Texten hartnäckig und neugierig nach gesellschaftlichen Momenten, in denen sich individuelle Schicksale in ihrer Vitalität und Zerbrechlichkeit manifestieren. Hettche beherrscht seine Mittel souverän, findet immer wieder neue Erzählhaltungen und scheut dabei kein Risiko.

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst (Vorsitz), Christine Tresch und Beat Mazenauer, zeichnet den 50-jährigen, in Treis bei Giessen (Deutschland) geborenen und heute in Berlin lebenden Autor für sein breit gefächertes Oeuvre aus. Es umfasst sechs Romane, einen Erzählband sowie eine Vielzahl von Essays, die in vier Bänden gesammelt vorliegen. Hinzu kommt die Herausgeberschaft beim Internetprojekt „Null".

Thomas Hettche ist ein unruhiger Geist in unruhiger Zeit. Nach experimentellen Anfängen, angesiedelt an der Schnittstelle von Körperlust und Körperlosigkeit, greift der Roman „Nox" 1995 voll ins Zeitgeschehen ein. Auf phantastische, exzentrische Weise erzählt er die Nacht des Mauerfalls am 9. November 1989. Eine reale Begebenheit nimmt sechs Jahre später „Der Fall Arbogast" auf; dabei geht es Hettche nicht um die Klärung eines historischen Justizirrtums, vielmehr zielt der Roman mit analytischer Schärfe auf die Ambivalenzen des menschlichen Wesens, über die kein Gericht je wahrheitsgemäss befinden kann. Im Roman „Woraus wir gemacht sind" (2006) leuchtet der Autor die existentiellen Abgründe eines bedrängten Menschen aus - ein zeitgeistiges Road-Movie in die texanische Wüste -, und im 2010 erschienenen intimen Kammerspiel „Die Liebe der Väter" zeigt er die Not eines Mannes im Kampf um die Zuneigung seiner Tochter.

Mit seinem jüngsten Roman „Pfaueninsel" (2014) ist Thomas Hettche fraglos ein Meisterwerk gelungen. Die tragische Geschichte des kleinwüchsigen „Schlossfräuleins" Marie Strakon auf der idyllischen Lustinsel des preussischen Hofs ist literarisch so subtil wie hinreissend. Diese Schilderung eines romantischen Traums an der Peripherie Berlins wird bei Hettche zum virtuosen Glanzstück, das stilistisch brillant historische Recherche und reflektierte Zeitgenossenschaft paart. In seinen weit ausgreifenden essayistischen Texten (zuletzt „Totenberg" 2012) zeigt sich Thomas Hettche als scharfsinniger Beobachter des Literaturbetriebs, der dessen Veränderungen nicht nur kritisch verfolgt, sondern auch unerschrocken erprobt. Auch hier belegt der Träger des Solothurner Literaturpreises 2015 seine stets poetisch aufgeladene analytische Prägnanz.

 

Bücher von Thomas Hettche

  • Ludwig muss sterben. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1989.
  • Inkubation. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1992.
  • Nox. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 1995.
  • Das Sehen gehört zu den glänzenden und farbigen Dingen. Droschl Verlag, Graz 1997.
  • Animationen. DuMont Verlag, Köln 1999.
  • Null. Literatur im Netz (Herausgeber). DuMont Verlag, Köln 2000.
  • Der Fall Arbogast. Kriminalroman". DuMont Verlag, Köln 2001.
  • Woraus wir gemacht sind. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006.
  • Fahrtenbuch. 1992-2007. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.
  • Die Liebe der Väter. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.
  • Totenberg. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012.
  • Pfaueninsel. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014.

 

Homepage

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