Dankesrede von Franz Hohler


Täuschst du dich

oder zittert manchmal

die Hand ein bisschen

wenn du den Suppenlöffel hältst?
Bist du das wirklich

von dem das Strassenverkehrsamt

ein ärztliches Zeugnis verlangt

du seiest noch fähig

ein Auto zu lenken?
Kann das sein

dass die

Kirchgemeinde dich einlädt

zur Seniorenweihnacht

mit schöner Klaviermusik

und gemütlichem Zvieri?
Und der Tanzanlass

für ältere Paare

dienstags von 15 bis 16.30 Uhr

ist der für dich?

Ist nicht

ein Ausdruck von Mitleid

im Blick des jungen Verkäufers

der dir erklärt

dein Mobiltelefon

sei nicht mehr zu reparieren?

Müsstest du sparsamer werden

mit dem Gebrauch eines Wortes wie

"früher"?

Warum fällt es dir

immer noch schwer

deine Handy-Nummer zu lernen

(Die Nummer des Elternhauses

weisst du noch jetzt)?

Wie war schon wieder

der Titel des Films

in dem ein Planet

die Erde bedroht?

Und die Schauspielerin

die den Jungen beschützte

wie hiess sie doch gleich?

Hast du genügend Sätze

für ein Gespräch

mit jemandem

dessen Namen

dir nicht in den Sinn kommen will?

Merkst du das Lauernde
beim Zusammensein mit alten Bekannten
sobald die Rede
auf die Gesundheit kommt
auf Knie, Hüften, Gelenke
und ihre Ersetzbarkeit?

Was haben die Medikamente
auf deinem Frühstückstisch
verloren?

Warum feiern so wenig Freunde
den vierzigsten
und immer mehr
ihren sechzigsten, siebzigsten, achzigsten?

Und wieso
will der dunkle Anzug
im Kleiderschrank
nicht mehr nach hinten rücken?

Morgens vor sechs
schon wach zu sein
dafür einzunicken
bei Büchner, Brecht
oder Shakespeare
ist das normal?

Ist es möglich
dass die Tage
etwas geschrumpft sind
in letzter Zeit?

Wird die Sparlampe
die du im WC einschraubst
Brenndauer 10'000 Stunden
länger halten als du?

Und all die Petitionen
und Initiativen
Für eine sichere
Keine, Nein zu, Stop dem, Schluss mit
und Ausstieg aus -
was gehen dich Zeiten an
die du kaum mehr erleben wirst?

Warum aber
trifft dich der Blick deiner
frisch geborenen Enkelin
mitten ins Herz
und lädt dich auf
mit Zuversicht
Zukunft
und Lebenssucht?


Grüezi mitnand,

dieses Gedicht habe ich zu meinem 70. Geburtstag geschrieben. Dass zum Schönen am Älterwerden auch der Solothurner Literaturpeis gehört, erfuhr ich erst etwas später, als ich während einer Lesereise nach einem geheimnisvollen SMS meiner Frau Hansueli Probst aus dem Lärm des Mannheimer Hauptbahnhofs anrief und er mir den Entscheid der Jury mitteilte - ich danke der Jury und freue mich über diesen Entscheid, ich danke Hansueli Probst für seine Laudatio, und ich danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind, obwohl Sie nach dem dreitägigen literarischen Marathon einen gewissen Sättigungsgrad erreicht haben dürften.

Ich wolle einmal Dichter und Zeichner werden, soll ich als Kind auf die berühmte Erwachsenenfrage geantwortet haben. Ein kleiner Tatbeweis war meine allererste Geschichte, die ich als 8-jähriger meinen Eltern zu Weihnachten schenkte. Eine Zeichnung zeigte einen Mann auf einem Pferd, darunter stand der Vers:
Auf seinem Pferd Herr Fadian
sich sieht die schöne Landschaft an.
Das zweite Bild dann war ein Zoom auf den Hintern des Pferdes, in welchen eine Wespe stach. Daraufhin brannte das Pferd durch, Ross und Reiter stürzten in eine Schlucht, aus deren Grund ein spitzer Fels ragte, dem Pferd war der Hals aufgerissen, Herrn Fadians Schädel war in kleine Teile zertrümmert (er trug keinen Helm, der unselige), Ströme von Blut flossen, gekrönt vom Vers:
Und die Moral von der Geschicht,
lass dich von Wespen stechen nicht.
Als Vorbild dieses Werks lässt sich unschwer Wilhelm Busch erkennen, dessen häufig etwas sadistische Vers- und Bild-Geschichten mich sehr faszinierten.
Ebenso klar erkennbar: Der Dünger für Geschichten ist nicht der gewohnte Gang der Dinge, sondern der ungewohnte, nicht das Glück, sondern das Unglück.

Seit ich lesen konnte, wollte ich auch schreiben, und seit ich Geschichten las, wollte ich auch Geschichten schreiben. Den Zeichner habe ich schon bald aus meinem Berufsbild gestrichen, aber den Dichter habe ich durch meine ganze Schulzeit und die kurze Studienzeit mitgenommen. Als Gymnasiast schrieb ich kleine Glossen und Kurzgeschichten und schickte sie dem "Oltner Tagblatt", welches sie zu meiner Freude abdruckte. Erst später wurde mir klar, wie wichtig für mich dieses Echo damals war, denn es enthielt die Botschaft: "Wir können deine Geschichten brauchen."

Ich schrieb also im Lauf der Jahre Geschichten, in denen Ungewöhnliches passierte, Geschichten, die der Grundfrage der Phantasie nachgingen: "Was wäre, wenn?". Da tauchte auf einer Hochzeitsfoto ein Mann auf, den niemand kannte und an den sich niemand der Gäste erinnerte, da sass auf einer Fernsehantenne in Zürich eines Tages ein Adler, siedelte sich in der Stadt an und zog nach und nach weitere Wildtiere nach sich, bis die ganze Stadt in der Gewalt der Bären, Wölfe, Schlangen und Farne war, da bestieg eine Frauenärztin einen Schimmel, der auf einmal statt ihres Autos in der Parkgarage stand und sie in rasendem Galopp ins Mittelalter trug, wo sie einer jungen Burgfrau bei der Geburt ihres ersten Kindes beistehen musste. Oder da steht auf einmal einer am Strassenrand, den man dort nicht vermuten würde.

Der Autostopper

Der Teufel machte einmal ausserhalb von Bellinzona Autostop, aber niemand wollte einen Typ mit Hörnern und einem Dreizack mitnehmen.
Endlich, es ging schon gegen Abend, hielt ein Amerikanerwagen an, und der Fahrer, ein jüngerer Mann mit langen Haaren und sanften Augen, hiess den Teufel einsteigen.Dieser setzte sich neben den Fahrer und gab als Reiseziel Rom an.
Dorthin fahre er auch, sagte der sanfte Langhaarige und lächelte dem Autostopper zu.
Dieser schaute den Fahrer immer wieder an und fragte ihn schliesslich: „Kennen wir uns nicht von irgendwoher?“
„Ich glaube, wir haben uns zuletzt in der Wüste gesehen“, sagte der und hob freundlich seine durchlöcherte Hand.
„Und was willst du in Rom?“ fragte der Teufel.
„Den Papst erschrecken“, sagte der Fahrer, „der glaubt doch schon lang nicht mehr an mich.“
„Darf ich mitkommen?“ fragte der Teufel.
„Aber gern“, sagte der Fahrer, „zusammen sind wir stärker.“
Beide lachten, und Jesus gab Gas.


Aber Geschichten spielen sich ja nicht nur im Ungewöhnlichen, Phantastischen ab, sondern ebenso sehr im Gewöhnlichen, Alltäglichen; unser Alltag ist eine einzige Geschichtensammlung, und oft geht es nur darum, bei etwas, das man erlebt hat, zu merken, dass das eine Geschichte war, und so begann ich aufzuschreiben, was ich sah, wenn ich zum Fenster hinausschaute, wenn ich in die Stadt ging, wenn ich im Zug sass, oder was mir auf Wanderungen und Spaziergängen begegnete, ich schrieb also auch Geschichten, die der Grundfrage des Erzählers nachgehen: "Was war?"

Die Verkündung

Letzthin im Zug, direkt neben dir, das elend-fröhliche Digitalpiepsen eines Handys, und du weisst, jetzt wirst du die Seite nicht in Ruhe zu Ende lesen können, du wirst mithören müssen, wo die Unterlagen im Büro gesucht werden sollten oder warum die Sitzung auf nächste Woche verschoben ist oder in welchem Restaurant man sich um 19 Uhr trifft, kurz, du bist auf die unüberhörbaren Schrecknisse des Alltags gefasst - und da zieht der junge Mann sein Apparätchen aus der Tasche, meldet sich und sagt dann laut: „Jä nei - Wänn? - Geschter znacht? - Und was isch es? - E Bueb? - So härzig! - 3 1/2 Kilo? - Und wie gohts der Jeannette? - So schön! - Seisch ere ne Gruess, gäll! - Wie? - Oliver?...“
Und über uns alle, die wir in der Nähe sitzen und durch das Gespräch abgelenkt und gestört werden, huscht ein Schimmer von Rührung, denn soeben haben wir die uralte Botschaft vernommen, dass uns ein Kind geboren wurde.


Zu diesen Geschichten gesellten sich Märchen, Fabeln und Erzählungen, die ich für Kinder - und für das Kind im Erwachsenen - schrieb, von einem Buben, der so stark träumte, dass am Morgen etwas von seinem Traum übrig blieb, von einem Granitblock, der ins Kino ging, von einer Made, die den Weg nach Hongkong schaffte und dort reich wurde, von einem Zauberschächtelchen, das nur ein einziges Zauberkunststück konnte, ich schrieb und schrieb in der steten Hoffnung, dass man meine Geschichten brauchen könne, denn das möchten wir alle, dass man unsere Arbeit brauchen kann, oder dass mindestens irgendjemand irgendetwas davon brauchen kann. Was es ist, lässt sich allerdings schwer voraussagen.
Dazu eine kleine Geschichte, die ich an den Literaturtagen in Todtnauberg erlebt und aufgeschrieben habe. Die Dichterin, die darin vorkommt, ist übrigens die letztjährige Preisträgerin Annette Pehnt.

Ein Feuer im Garten

Im Halbkreis sitzen und liegen die Kinder auf Kissen um die Dichterin herum, und sie erzählt ihnen eine Geschichte, in der bald nach dem Anfang ein Kind nachts voller Angst ans Fenster rennt, weil es glaubt, es sei ein Feuer im Garten.
An dieser Stelle ruft ein Dreijähriger im Publikum laut: „Ein Feuer im Garten!“, steht begeistert auf und läuft weg, weg von der Erzählerin und den andern Kindern. Die Fortsetzung, welche erst die eigentliche Geschichte ist, die Fortsetzung braucht er nicht, denn man hat ihm soeben etwas Wichtiges mitgeteilt, etwas, das er sich vorstellen kann, etwas, das nun seinen ganzen Kopf und sein ganzes Herz, wahrscheinlich auch seine Beine und Arme ausfüllt, eine grosse, eine mächtige, eine wärmende Geschichte: ein Feuer im Garten.

Woran erinnern wir uns denn, von all den Büchern, die wir gelesen haben? Könnten wir den "Faust" nacherzählen, oder bliebe es bei der Szene im Studierzimmer? Von Puschkins "Hauptmannstochter" sind uns vielleicht die heulenden Wölfe und der grosse Schnee geblieben, aber worum ging es sonst? Oder haben die Wölfe bei Leskow geheult, und der Schnee fiel bei Gogol? Und haben sich die "promessi sposi" am Schluss eigentlich bekommen oder nicht? Manzonis Schilderung der Pest in Mailand aber werde ich auf keinen Fall vergessen.
Eine Mutter erzählte mir von ihrem behinderten Sohn, er könne eine Zeile aus meiner Ballade "Der Weltuntergang" auswendig. Es ist die einzige Zeile, die ich beim Vortragen singe, und sie lautet:
"Und die Meere stiegen".

Es freut mich immer, wenn ich eine Anfrage bekomme, die mit "Es gibt doch von Ihnen eine Geschichte.." beginnt, oder "Sie haben vor Jahren einmal etwas geschrieben über..". Und das Stichwort, das dann kommt, das ist das Feuer im Garten, das noch weiter brennt. Ich kann fast immer Auskunft geben, manchmal erst nach längerem Nachdenken, und besonders gern gebe ich Auskunft, wenn der gesuchte Text gar nicht von mir ist, sondern z.B. von Peter Bichsel oder von Lorenz Keiser.
Ich habe dann das Gefühl, wir seien eine Familie, die Familie der Dichter und Geschichtenerzähler, und wir bilden zusammen mit unseren Zuhörerinnen und Zuhörern eine Grossfamilie, die Grossfamilie derer, die an einer Wiedergabe der Welt in anderen Formen interessiert sind, die Grossfamilie derer, die sich die Welt, in der wir leben, auch anders vorstellen können, und die das Haus, in dem sie wohnen, auf eine andere Art sehen und erleben möchten, die es vielleicht erst richtig sehen, wenn es von einem Feuer im Garten beleuchtet wird.
Diese Grossfamilie, scheint mir, sei hier und jetzt versammelt, und ich möchte mich bei ihr bedanken, und wenn ich sie so lange begleiten durfte, heisst das nichts anderes, als dass auch sie mich begleitet hat, denn ohne ihr Echo wäre ich vielleicht irgendeinmal verstummt.

Ich habe Sie mit einem Gedicht begrüsst, und ich möchte mich mit einem Gedicht verabschieden. Dieses Gedicht ist so seltsam, dass ich bis jetzt nicht gewagt habe, es zu veröffentlichen, aber da ich soeben einen Literaturpreis bekam, bleibt Ihnen und mir nichts anderes übrig als zu glauben, dass es Literatur ist.

Weiss noch jemand

Weiss noch jemand
wo das Denkmal stand

für die Prinzessin
aus dem Morgenland

die mit dem Sternenmantel
durch die Wälder ritt

bevor der grosse Krieg
darüber schritt?



Weiss noch jemand
wo der Garten war

mit den Sommergästen
und der Kinderschar

auf den der Mond
in verzauberten Nächten schien

und den die Eule besuchte
und der Hermelin?



Weiss noch jemand
wo der Geiger blieb

der uns zu ausgelassenen
Tänzen trieb

mit seinen kühnen Läufen
und der schmelzenden Terz?

Er weckte die Sehnsucht
und brach uns das Herz.



Weiss noch jemand
wo der Grabstein ist

auf dem der Todesengel
den König küsst

und ihn so fest
in seinen Armen hält

dass ihm die Krone
vor die Füsse fällt?



Weiss noch jemand
wo der Wildbach floss

im Bergwald mit dem
Raubritterschloss

aus dessen Wasser
die weisse Schlange trank

bevor sie im eisigen
Stausee versank?



Weiss noch jemand
wie die Inschrift hiess

die man fand
im dunklen Kellerverlies

in dem der Zar so schmählich
zu Tode kam

und man der ganzen Familie
das Leben nahm?



Weiss noch jemand
wie das Volkslied geht

in dem das Mädchen am Morgen
am Fenster steht

und die Fahne in der Ferne
flattern sieht

hinter der sein Liebster
zum Kampfe zieht?



Prinzessin und Geiger
König und Zar

Schloss und Schlange
und Kinderschar

die Gärten – was ist nur
mit ihnen geschehn

und dem Burschen und dem Mädchen
die sich nie wieder sehn?
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