Mit dem Solothurner Literaturpreis 2012 wird Annette Pehnt ausgezeichnet. Die 1967 in Köln geborene Schriftstellerin erhält den Preis für ihre hoch sensible Prosa, in der sie das gesellschaftliche und familiäre Zusammenleben mit grosser Genauigkeit bis in die feinsten Verästelungen auslotet.

Annette Pehnts Werk umfasst bisher sechs Romane, einen Erzählband sowie vier Kinderbücher. Besonderes Aufsehen erregte 2007 der Roman „Mobbing", der präzise und beklemmend vom seelischen Zerfallsprozess berichtet, der eine ganze Familie an den Rand des Abgrunds führt.
Dieses Frühjahr erschien „Chronik der Nähe", das dichte Porträt von drei deutschen Frauengenerationen. Die Erzählerin versucht darin die Kindheit ihrer während der Nazizeit aufgewachsenen Mutter zu verstehen, die sich ihrerseits von ihrer Mutter im Stich gelassen fühlte. Der Roman schildert die fehlende Nähe und Verbindlichkeit zwischen drei Frauen, die alle geprägt sind von den Umständen ihrer Zeit.



Ein untrügliches Gespür für seelische Verletzungen

Wenn es brenzlig wird, oder wenn Entscheidungen anstehen, muss Dorst los. „Als Kind sagte Dorst die Wahrheit", bald aber merkte er, dass „niemand die Wahrheit mochte". So flieht er lieber, auch vor der Liebe. Annette Pehnts Debütroman „Ich muss los" (2001) bezaubert durch seine Leichtigkeit. Mit der Figur des Lebens- und Liebesflüchtlings Dorst gelingt der Autorin unter der Hand das Porträt einer Generation. Im Roman „Insel 34" (2003) erweitert sie es, indem Dorst eine weibliche Antipodin erhält, die sich durch keine Widerstände am Versuch hindern lässt, ihren Lebenstraum zu erfüllen und die Insel der Sehnsucht zu finden.

Nach diesem leichtfüssigen, beschwingten Auftakt erschien 2006 der Roman „Haus der Schildkröten", in dem Annette Pehnt ihren Blick auf die Gesellschaft vertiefte. Darin treffen sich die beiden Protagonisten Regula und Ernst jeweils Dienstags in einem Altenheim, wo Ernst den dementen Vater und Regula die starrsinnige Mutter besucht. Jedes Mal aufs Neue erleichtert darüber, ihre Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben, kommen sie einander näher. Ihr später Liebesfrühling antwortet auf die welke Endzeitstimmung im Altenheim, in dem die „Immergleichen" routiniert, mitunter auch despektierlich versorgt werden. Pehnts peinigend genaue Beschreibung dieser Atmosphäre, durchsetzt von einem Anflug von Sarkasmus, bleibt stets respektvoll gegenüber den Sehnsüchten und Verletzungen ihrer Figuren.

Dies gilt auch für „Mobbing" (2007), der präzisen Studie über ein gesellschaftliches Tabu. „Das war's", beginnt das Buch. Joachim Rühler ist fristlos gekündigt. „Ich bin erledigt", klagt er, und macht sich zugleich Mut: „Wenn das Schlimmste passiert ist, muss man sich endlich nicht mehr davor fürchten." Der Schein aber trügt. Auch aus Furcht hatte sich Joachim gegen seine Entlassung gestemmt. Was aber hält ihn nun? Joachims Frau versucht Ruhe zu bewahren. Sie möchte ihren Mann zu Dingen überreden, die er sich früher zu tun gewünscht hatte. Joachim aber steckt fest in einem Teufelskreis aus Lähmung und Starrsinn. So wird die ganze Familie zum Opfer der unmenschlichen beruflichen Situation. Pehnt beschreibt diesen Prozess des sukzessiven seelischen Zerfalls aus der Sicht der Ehefrau subtil und differenziert, mit Wachsamkeit für feinste Veränderungen, Verschiebungen, Verdrehungen. Damit ist ihr ein literarisches Meisterwerk gelungen, das gekonnt brisante gesellschaftliche Prozesse spiegelt.

Nach dem Erzählband mit dem vielsagenden Titel „Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern" (2010), worin die Wirklichkeit in verschiedensten Variationen unmerklich in Schieflage gerät, ist dieses Frühjahr der Roman „Chronik der Nähe" erschienen.

Am Sterbebett ihrer Mutter möchte die Erzählerin endlich mehr darüber erfahren, was ihrer Grossmutter und ihrer Mutter im Deutschland der Nazizeit und der Nachkriegsjahre widerfuhr. Doch die Mutter schweigt, so dass die Rekonstruktion der Erinnerung auch zur Selbsterforschung wird. Pehnt erkundet nuanciert das ambivalente Verhältnis zwischen den Generationen, um danach zu fragen, was die Erzählerin, nun selbst Mutter, von den Ängsten ihrer Mutter weiter trägt.

Annette Pehnt erforscht literarisch die Bruchstellen zwischen den Generationen und Geschlechtern. Sie erzählt von subtilen Abhängigkeiten und seelischen Verletzungen. Sie stellt Träume von Geborgenheit und Glück dem oft tragikomischen Scheitern und der Verzweiflung über schwindende Lebensmöglichkeiten entgegen. Hartnäckig, aber nie respektlos, leuchtet sie das Innere ihrer Figuren aus. So ist Annette Pehnt eine gleichermassen schonungslose wie mitfühlende Chronistin intimer Gefühle. In ihren Büchern begegnen die Lesenden unvermittelt eigenen Erfahrungen.

                                                                                     (Die Jury)


Bücher von Annette Pehnt

  • Ich muss los. Roman. Piper, München 2001
  • Insel 34. Roman. Piper, München 2003
  • Haus der Schildkröten. Roman. Piper, München 2006
  • Mobbing. Roman. Piper, München 2007
  • Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern. Erzählungen. Piper, München 2010
  • Hier kommt Michelle. Ein Campusroman. josfritz, Freiburg 2010 (Piper TB, Dezember 2012)
  • Chronik der Nähe. Roman. Piper, München 2012

 

Kinderbücher

  • Der kleine Herr Jakobi. Piper, München 2005
  • Rabea und Marili. Carlsen, Hamburg 2006
  • Annika und die geheimnisvollen Freunde. Carlsen, Hamburg 2007
  • Brennesselsommer. Carlsen, Hamburg 2012

 

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